Doch mit den Clowns kommen die Tränen
Herbert Fritsch tritt aus der Bühnenversenkung nach oben. Seinen inszenierten Auftritt mit gezielter Pointe zum Schlussbeifall lässt sich der Regisseur nicht nehmen. Doch der Deus ex machina kommt zu spät. Das Gemetzel auf der Bühne ist schon Vergangenheit; das Schwertduell zwischen Macbeth und Macduff, bei Fritsch ein geradezu lächerlicher K(r)ampf zweier überforderter Männer, ist vorüber, die Ritter ohne Kokosnuss sind in ihrer Narrheit vollends bloßgestellt worden. Monty Python lässt grüßen …
Fritsch inszeniert Verdis «Macbeth».
Mit der Shakespeare’schen Vorlage hat sich der Meister skurril-absurder Bühnenwelten vor ein paar Jahren bereits in Halle auseinandergesetzt, in Basel nun ist Verdis musikalische Überschreibung dran, auf Italienisch, aber in der Zweitfassung von 1865, mit Elementen der ersten Version im Finale. Was den Kontrast zwischen Siegestaumel und der persönlichen Katastrophe des Macbeth noch verstärkt: Wir sehen eine Groteske namens «Macbeth». Und doch am Ende zugleich ein fatales Trauerspiel, weil es im Narrenkostüm vorführt, wie wenig Hoffnung es letztlich gibt auf eine Entwicklungsfähigkeit des Menschen hin zu einem Besseren.
In den meisten Fällen erlebt man die Tragödie des vom eigenen Ehrgeiz und dem Machtanspruch seiner Frau getriebenen Anti-Helden in den finstersten Farben und schauerlichsten Szenen auf der Bühne: als Gothic Drama, als Grusel-Schauerstück. Doch Fritsch wäre nicht Fritsch, betrachtete er die fatale Konsequenz der Verbrechen Macbeths, die düsteren, aber ebenso doppeldeutigen Prophezeiungen der Hexen und den ganz «normalen» höfischen Alltag nicht durch den Hohlspiegel. Was zumal zu den Schroffheiten, Antagonismen und stilistischen Kontrasten dieser Musik passt, die changiert zwischen tiefer Psychologisierung, spritziger Trinkliedstimmung und patriotischer Folklore. Verdis «Macbeth» ist kein Psycho-Musikdrama, sondern ein kontraststarkes Panoptikum der Affekte in den jeweiligen situazioni. Ganz im Sinne dessen, was der Musikwissenschaftler Egon Voss einst über die italienische Gesangsoper schrieb: «Alle Konzentration gilt dem jeweiligen Augenblick.» Das passt zu Herbert Fritsch. Sein Theater konzentriert sich ebenfalls intensiv auf die Wirkung des Augenblicks. Überraschend ist dabei die Perspektive. «Ich möchte aus einem anderen Winkel auf die Welt schauen», sagte er einmal in einem Interview. Als Regisseur in Basel schaut er auf die Lebenswirklichkeit des «Macbeth» aus dem Winkel der Commedia dell'Arte. Zumindest, was Gestik, Stil und so manche Akrobatik anbelangt. Dem Stegreif dagegen überlässt Fritsch nichts.
Seine Bühne – wie stets ist er auch sein eigener Ausstatter – ist mit fünf sich nach hinten verjüngenden Kulissenportalen ausgestattet, mehr nicht. Blutrot ist ihre Grundfarbe, schwarz gekleidet dagegen sind die Figuren, die Fritsch in stilisierte elisabethanische Kostüme mit typischer Halskrause kleidet. Von der ersten Szene an (großartig, wie zunächst nur die Hände der Hexen hinter den Bögen hervorspitzen) agieren die Figuren wie tragische Karikaturen ihrer selbst, oder wie Marionetten, scheinbar, ganz nach Kleist, in Abwesenheit ihres Bewusstseins. Was ist Macbeth? In erster Linie wohl sein eigener Hofnarr, töricht und permanent in die Irre geführt. Noch grotesker ist die Beziehung zu seiner Frau: In Basel steht die wohl zierlichste Lady Macbeth aller Zeiten auf der Bühne, eine Art Alberich im schneeweißen Kleid, schlaftrunken und dem Hier und Jetzt von Anfang an entwichen.
Natürlich passiert in dieser Regie-Erzählung jede Menge Seltsames, Abstruses, Surreales. Bloß eines ist es nicht – Klamauk. Aus der Repetition des Komischen, etwa mit dem stummen König Duncan als Grüß-August, dem Infanten Malcolm, dem immer wieder die Krone vom Kopf fällt, dem rabenschwarzen Arzt mit der Pulcinella-Maske oder den Aerobic-Bewegungen beim Trinklied bezieht das Geschehen seine clownesken Impulse. Doch mit den Clowns kommen die Tränen. Und der Schrecken. Genial, wie Fritsch den dritten Akt mit der eingefrorenen Schlussszene des zweiten beginnt und die feine Hofgesellschaft in Sekundenschnelle in Hexen verwandelt. Packend jener letzte Auftritt der Lady Macbeth, gemeinhin eher als Wahnsinnsszene. Bei Fritsch scheint eher die Frage zu dominieren, ob nicht auch die gesamte Welt um sie herum vom Wahnsinn geprägt ist. Man feiert letztlich sich selbst bedingungslos, huldigt voller Opportunismus den jeweils Mächtigen. Kommt uns Heutigen das nicht ziemlich bekannt vor?
Wie die Szene reißt auch die Musik mit. Dirk Kaftan und das Sinfonieorchester Basel modellieren den Kontrastreichtum der Musik in großer Detailschärfe heraus, mit exzellenter Rubato-Kultur, nie aber ist der Tonfall grell, auch dort, wo Verdi eine Art Expressionismus pflegt. Das Orchester zeichnet Verdis «tinta» in Reinkultur nach, zum Beispiel mit den typischen dunklen, pastosen Holzbläserfarben. Die Feinabstimmung mit dem klanglich homogen aufeinander abgestimmten Chor und Extrachor weist am Premierenabend noch ein paar rhythmische Probleme auf; freilich fordert Fritschs Bewegungsregie dem gesamten Ensemble Maximales ab. Iain MacNeil kann nicht nur Rad schlagen, seine Lady Macbeth (beim Singen) in die Lüfte stemmen oder wie ein Uhrpendel hin und her bewegen – sein Bariton wird der Titelpartie mit einem gewaltigen Ausdrucksspektrum und Volumen in hohem Maße gerecht. Da empfiehlt sich eine junge Stimme für große Aufgaben. Dass Heather Engebretson stimmlich eher eine Gilda oder Violetta ist, freilich mit Durchschlagskraft, steht außer Frage. Aber die unorthodoxe Besetzung der Lady Macbeth ist nicht nur mit Blick auf den szenischen Gedanken konsequent: Engebretsons Sopran überrascht in seiner Variabilität ein ums andere Mal. Der rabenschwarze Bass von Sam Carl ist ein Volltreffer für die Partie des Banco: fürwahr exzeptionell. Weiter hervorgehoben aus einem ausgewogenen Ensemble seien Ralf Romei (Macduff) und Hope Nelson als Dame der Lady Macbeth.
Nach dem tobenden Schlussbeifall ist das blutige Spektakel noch nicht zu Ende. Zum Premierenempfang wird ein «Blutdrink» gereicht. Der schmeckt indes gar nicht bitter, sondern überrascht mit fast schon penetranter Süße. Irgendwie passt das zu dem vorausgegangenen Theater des Spiels mit den Erwartungen.
Verdi: Macbeth
BASEL | THEATER Premiere: 22. Januar 2026
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Inszenierung, Bühne und Kostüme: Herbert Fritsch
Licht: Cornelius Hunziker
Chor: Michael Clark
Solisten: Iain MacNeil (Macbeth), Sam Carl (Banco), Heather Engebretson (Lady Macbeth), Hope Nelson (Dame der Lady Macbeth), Rolf Romei (Macduff), Ervin Ahmeti (Malcolm) u. a.
www.theater-basel.ch
Opernwelt März 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Alexander Dick
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