Ein Meisterwerk
Keine Kulissen, keine Möbel und erst recht nicht der Versuch, dem antiken Drama eine wohlfeile Aktualität zu verleihen. Nur farblich changierende Neonröhren, die den Gemütszustand der Figuren, und Kostüme, die deren Herkunft und Charakter symbolisieren. Mehr braucht es nicht. Am Theater Erfurt vertraut man voll und ganz Glucks Musik und der ihr innewohnenden emotionalen Botschaft. Glaubwürdiger und packender kann man den marginalisierten «Telemaco» kaum auf die Bühne bringen.
Damit schreibt das Haus auch ein wenig Geschichte – und rehabilitiert en passant ein fast vergessenes Meisterwerk.
Gewiss floss nach der Uraufführung von 1765 Bedeutenderes aus Glucks Feder, manches davon war aber Selbstzitat aus dieser Oper; so wird die Ouvertüre in «Armida» wiederkehren, deren Sujet durchaus verwandt ist, und Telemachs Arie im Zauberwald «Ah! chi di voi m’addita» bildet den Grundstock von Agamemnons Klage «O Diana, dea spietata» aus «Iphigenie in Aulis». Gluck ist hier, entgegen einer Rezeptionslegende, nicht nur auf dem Weg zur Reformoper, er ist eigentlich schon am Ziel. Der Zeitdruck, unter dem das Werk entstand, und ein ziemlich flaches Libretto verhinderten allerdings den Erfolg. ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Volker Tarnow
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