Gefrorene Tränen

Stuart MacRaes Klimakrisen-Oper «Die Frau aus dem Eis (Anthropocene)» ist in Bielefeld als deutsche Erstaufführung zu bestaunen

Opernwelt - Logo

Der Mensch erscheint, nein, leider nicht im Holozän, das wäre Literatur und, Max Frisch sei Dank, fürwahr eine formidable. Er erscheint im Anthropozän, als Zentrum allen Seins und Werdens, als geochronologische Konstante, als tellurische Macht, die Einfluss nicht nur auf das eigene Geschick nimmt, sondern massiv in die Natur und ihre organischen Verläufe eingreift. Der Mensch spielt, nachdem er Gott abgeschafft hat, selbst Gott und richtet damit Verheerungen an, die ihm selbst irgendwann (und vermutlich nicht erst in fernen Zeiten) gröbste Sorgenfurchen auf die Stirn zaubern werden.

Und man kommt nicht umhin, an Loges weisen Satz aus dem «Rheingold» zu denken: «Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen.» 

Stuart MacRaes Oper «Die Frau aus dem Eis (Anthropocene)» auf ein sprachgescheites, philosophisch geschultes und ungemein poetisches Libretto von Louise Welsh, Anfang 2019 im Theatre Royal Glasgow uraufgeführt und nun am Theater Bielefeld erstmals in deutschsprachigen Landen zu erleben, erzählt von diesem nahenden Ende, von den Hypertrophien einer Gruppe von Forscherinnen und Forschern, die – begleitet von Abenteurern dubioser Provenienz – doch eigentlich nur ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Wahrhaftigkeit und Wahnsinn

Das ultimative Idyll, vielleicht ist es auch nur eine Utopie, begegnet uns schon in Nummer zwei. «Es ruht so wohl, es ruht so warm», dichtete Eduard von Bauernfeld, von Franz Schubert in «Der Vater mit dem Kind» als klangliches Andachtsbild festgehalten. Und dass diese Minuten völlig kitschfrei gesungen werden, voller Wärme, inniglich und echt, vielleicht auch aus...

Aus der Truhe des Vergessens

Einhundert Jahre schlief Dornröschen, die Prinzessin. Immerhin auf etwa die Hälfte brachte es Pinotta, die Waise. Doch nicht ein Prinz küsste sie wach, sondern ihr geistiger Vater – Pietro Mascagni, der Komponist dieses idillio in due atti über die Liebe dieser elternlosen Spinnereiarbeiterin zu ihrem Arbeitskollegen Baldo. 1880 hatte der damals 17-Jährige die...

Warten auf Tschechow

Durchs Hagener Theater weht ein leiser Hauch von Buenos Aires. Ein Akkordeon ist es, mit einer wehmütigen Melodie, die auch von Astor Piazzolla stammen könnte. Komponiert hat sie aber Péter Eötvös für seine Tschechow-Oper «Tri sestry», als Inbegriff jener Melancholie, die schon im zugrundeliegenden Theaterstück fast alle Personen ergreift, von Beginn an. Tschechows...