Gefrorene Tränen

Stuart MacRaes Klimakrisen-Oper «Die Frau aus dem Eis (Anthropocene)» ist in Bielefeld als deutsche Erstaufführung zu bestaunen

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Der Mensch erscheint, nein, leider nicht im Holozän, das wäre Literatur und, Max Frisch sei Dank, fürwahr eine formidable. Er erscheint im Anthropozän, als Zentrum allen Seins und Werdens, als geochronologische Konstante, als tellurische Macht, die Einfluss nicht nur auf das eigene Geschick nimmt, sondern massiv in die Natur und ihre organischen Verläufe eingreift. Der Mensch spielt, nachdem er Gott abgeschafft hat, selbst Gott und richtet damit Verheerungen an, die ihm selbst irgendwann (und vermutlich nicht erst in fernen Zeiten) gröbste Sorgenfurchen auf die Stirn zaubern werden.

Und man kommt nicht umhin, an Loges weisen Satz aus dem «Rheingold» zu denken: «Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen.» 

Stuart MacRaes Oper «Die Frau aus dem Eis (Anthropocene)» auf ein sprachgescheites, philosophisch geschultes und ungemein poetisches Libretto von Louise Welsh, Anfang 2019 im Theatre Royal Glasgow uraufgeführt und nun am Theater Bielefeld erstmals in deutschsprachigen Landen zu erleben, erzählt von diesem nahenden Ende, von den Hypertrophien einer Gruppe von Forscherinnen und Forschern, die – begleitet von Abenteurern dubioser Provenienz – doch eigentlich nur ...

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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Jürgen Otten

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