Ein Engel auf Höllenfahrt
Ihre Biographie muss erst noch geschrieben werden. Was wir über die französische Komponistin Louise Bertin wissen, beschränkt sich auf ein paar spärliche Angaben, die aus Mangel an weiteren gern wiederholt werden (auch hier), aber nicht einmal alle gesichert sind. Wie diese wohl auch malerisch und schriftstellerisch hochbegabte Künstlerin wirklich gelebt hat, entzieht sich unserer Kenntnis, sogar unserer Vorstellung. Sie wurde 72 Jahre alt und war mit einer Gehbehinderung geschlagen (ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris).
Manche Quellen führen diese auf eine Polioerkrankung in Louises Kindheit zurück, andere behaupten, sie sei schon gelähmt zur Welt gekommen oder habe einen Unfall erlitten. Konnte sie mit ihren Krücken Treppen steigen oder musste sie getragen werden? Kam sie je über Paris hinaus? Hatte sie je eine Liebschaft, wenn ihr schon Ehe und Familie versagt bleiben mussten?
Nur knapp zehn Jahre dieses für damalige Verhältnisse langen Lebens, die Zeit zwischen 1827 und 1836, sind in jüngster Vergangenheit ins engere Blickfeld geraten, nachdem das Opernhaus in Montpellier 2008 Bertins viertes und letztes Bühnenwerk aufgeführt und als Mitschnitt auf ...
Für gewöhnlich zuckt man ja kurz zusammen, wenn auf einem Album das Signum «World premiere recording» verzeichnet ist, weil es allzu sehr nach Sensation klingt. Im vorliegenden Fall aber ist das anders: «Fausto» von Louise Bertin, am 7. März 1831 im Théâtre-Italien zu Paris (in italienischer Sprache!) mit mächtigem Success uraufgeführt, ist in der Tat ein Werk, welches die Welt nicht kannte, weil es gleich nach seinem Erscheinen wieder in den Schubladen verschwand, und ein besonderes dazu. Nicht nur schuf die französische Komponistin damit die erste Vertonung von Goethes «Faust», sie war auch so kühn, die Titelrolle mit einer Frau zu besetzen. Faust als Frau? Wie kann das gehen? Keine Sorge. Es geht. Und wie die vom Palazzetto Bru Zane realisierte Aufnahme beweist, sogar ziemlich gut. Man muss nur die Ohren öffnen und etwaige Klischees über den Haufen werfen.
Karine Deshayes bewältigt die anspruchsvolle, eine starke Kondition verlangende Partie mit Bravour. Nur über der Brustton-Grenze, dort, wo Bertin den Rausch (auf )sucht, gerät sie zuweilen in Schwierigkeiten, was die stimmliche Balance betrifft, aber das macht die erfahrene Mezzosopranistin mit ihrem veritablen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: Wiederentdeckung des Jahres, Seite 44
von Lotte Thaler
Der Essay ist schon etwas in die Jahre gekommen, von seiner Aktualität aber hat er nichts eingebüßt. 1965 war es, als Susan Sontag sich in ihrem Text «Gegen Interpretation» mit der Frage beschäftigte, welchen Wert die Kunst habe (haben solle, ja, haben müsse) und was sie auszurichten imstande sei. Neben vielen anderen klugen, hegelianisch-dialektisch geschärften...
Es sind zwei Bühnenwerke jüdischer Komponisten, die in jüngerer Zeit auf die Spielpläne der Opernhäuser (zurück-)drängen: Fromental Halévys «La Juive» aus dem Jahr 1835 und die 1968 vollendete «Passashirka» («Die Passagierin») von Mieczysław Weinberg. Beide Werke stellen Auseinandersetzungen mit christlichem Antijudaismus und rassistischem Antisemitismus und dem...
Die Zukunft der Oper stand schon immer auf dem Spiel, daran hat sich in den mehr als 400 Jahren ihres Bestehens grundsätzlich kaum etwas geändert. Was sich indes geändert hat, sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen sie auf die Bühne gelangt, das soziokulturelle Environment. Und spätestens nach der wenig fruchtbaren Diskussion über die...
