Ein bühnenreifes Leben
Sie war anmutig wie eine Fee, sie hatte eine zauberhafte, überaus zarte, silbrige Stimme, sie bezauberte die Opernwelt mit ihrem engelsgleichen Gesang. Jacques Offenbach lag ihr zu Füßen, Iwan Turgenjew sandte Liebesbriefe, das betuchte Publikum verehrte sie, und wenn sie nur die Bühne betrat, ging ein Raunen durch den Saal, noch bevor sie überhaupt den ersten Ton gesungen hatte. Wer aber weiß heute noch irgendetwas von der Sopranistin Mila Röder, die (nach Julianischem Kalender) am 25.
März 1847 als Emilie Concordia Eveline Dubenowsky in Riga das Licht der Welt erblickte, eine der erstaunlichsten Karrieren des 19. Jahrhunderts hinlegte und nur 39 Jahre alt wurde? Die Musikgeschichte hat sie vergessen.
Allein deswegen ist die Biografie der Kulturjournalistin und ehemaligen Sängerin Catrin Möderler von einigem Wert. Schon im Untertitel verweist das Buch auf jenes Phänomen, das sich wie ein roter Faden durch die Karriere der Sopranistin zieht: «Ein bühnenreifes Leben» attestiert die Autorin, und das kann man wörtlich nehmen. Ohne Probleme nämlich taugte Mila Röder zur Hauptperson eines sentimentalen Theaterstücks oder filmischen Schmachtfetzens.
Als Emilie ist sie die Tochter ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Jürgen Otten
Ach, die Bahn! Unzuverlässig, verspätet und verspottet, weil «immer nur abgebaut wird». Als Giselher Klebe seine 1980 in Mannheim uraufgeführte Oper «Der Jüngste Tag» schrieb, war die Bahn gefühlt noch superpünktlich. Angesichts der heutigen Schienenmisere wirken die Klagen zu Beginn des Stücks unfreiwillig aktuell und erheiternd. Dabei hat die Geschichte das Zeug...
Phänomenal! In Genf singt sich John Osborn als Raoul in «Les Huguenots» in die schmale Riege herausragender Meyerbeer-Tenöre – der Vergleich mit dem vor drei Jahren verstorbenen Nicolai Gedda ist nicht zu hoch gegriffen. Schon in der ersten Romanze gibt Osborn dem Affen Zucker und findet gleichzeitig himmlische Piani mit feinster Messa di voce. Über drei Stunden...
Die Pointe ist gut. Und steht deswegen zu Recht gleich in der Einleitung zu Silke Leopolds fabelhafter Biografie eines Künstlers, über dessen Wesen, Charakter und Begabung die Nachwelt seit Langem im Streite liegt. War Leopold Mozart wirklich nur der eifer- und eigensüchtige Tyrann, der seinen Sohn zur Sonne hinaufkatapultieren wollte, koste es, was es wolle? Oder...
