Merkwürdig
Der Skandal war unüberhörbar, damals, vor neun Jahren. Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Glinkas «Ruslan und Ljudmila» am Bolschoi Theater führte im Saal zu tumultartigen Szenen. Fast in jeder Vorstellung gab es lautstarke Zwischenrufe; man warf dem russischen Regisseur vor, das Werk in abscheulicher Weise verunstaltet zu haben. Kurzum: Das Volk im Parkett und auf den Rängen schäumte.
Derselbe Ort, derselbe Regisseur, ein anderes Stück – und eine andere Reaktion: Tcherniakovs Lesart von Rimsky-Korsakows «Sadko» stieß beim Moskauer Publikum auf ungeteilte Zustimmung.
Der Titelheld dieser Oper, deren Libretto der Komponist selbst nach Motiven mittelalterlicher russischer Heldenlieder verfasste, ist eine Art russischer Orpheus, der mit seinem Gesang und seinem Instrument, einer griffbrettlosen Kastenzither (Gusli), Wolchowa, die schöne Tochter des Meereszaren, verzaubert. Vor den Augen der Nowgoroder Bürger zieht er mit ihrer Hilfe einen Fisch mit goldenen Schuppen aus dem Wasser und begibt sich danach auf eine Schifffahrt über die Meere. Der Zar holt ihn in sein maritimes Reich zurück und will ihn mit Wolchowa verheiraten, doch ein weiser Alter – es ist der Heilige Nikolaus – ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Alexei Parin
Was tun, wenn das Herz verwundet ist, jede Hoffnung dahin und die Insel der Glückseligen nurmehr ein verdorrter Ort der Einsamkeit? Alcina, bis zu diesem Augenblick unumschränkte Herrscherin des Eilands, weiß sich keinen anderen Rat, als ihren Schmerz in eine der anrührendsten Arien zu kleiden, die Georg Friedrich Händel je komponierte – das Andante Larghetto «Ah,...
Barrie Kosky führt ein Doppelleben. Tagsüber ist er Chef der Komischen Oper Berlin, abends zieht es ihn, wann immer seine Zeit es erlaubt, ans Klavier. Als «Barpianist» spielt und singt er sich dann durch jiddische Operettenmelodien der 1920er-Jahre. Das Faible, weithin Vergessenes für die Öffentlichkeit wiederzuentdecken, zählt zum Markenzeichen seiner Berliner...
Ach, die Bahn! Unzuverlässig, verspätet und verspottet, weil «immer nur abgebaut wird». Als Giselher Klebe seine 1980 in Mannheim uraufgeführte Oper «Der Jüngste Tag» schrieb, war die Bahn gefühlt noch superpünktlich. Angesichts der heutigen Schienenmisere wirken die Klagen zu Beginn des Stücks unfreiwillig aktuell und erheiternd. Dabei hat die Geschichte das Zeug...
