Der Mann aus Märklin-Land
Vermutlich hatte der kleine Alfred Kirchner weder Ciceros Satz «Verus amicus est tamquam alter idem» (ein wahrer Freund ist quasi ein zweites Selbst), den Wikipedia für die Entstehung des Begriffs «Alter Ego» verantwortlich macht, im Sinn, und auch an Schuberts «Du Doppelgänger! du bleicher Geselle! Was äffst du nach mein Liebesleid» hat der Knirps wohl noch nicht gedacht, als er den «Mann von Pölarölara» – kurz «Pöla» – erfand. Vielmehr gehörte diese Figur der Welt seiner Märklin-Spielzeugeisenbahn an.
Auf jeden Fall wurde «Pöla» zum «anderen» Kirchner, hinter dem der wahre sich quasi versteckte, wenn es darum ging, Energien freizusetzen für die Bühne, deren künstlerische Richtung er etwa ab Mitte der 1960er-Jahre in der damaligen Bundesrepublik mit beeinflusste. Unter anderem als Assistent von Peter Zadek an Kurt Hübners Bremer Theater, dann auch als Direktoriumsmitglied bzw. Mitdirektor Claus Peymanns in Stuttgart, Bochum und Wien oder als am Berliner Schillertheater nicht unbedingt durch Eigenschuld Gescheiterter. Und nicht zuletzt als prägender Regisseur auch im Musiktheater, etwa des Bayreuther «Ring»-Zyklus der Jahre 1994 bis 1998.
Das Buch gibt sich als biografische ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Gerhard Persché
Eine «komponierte Interpretation» hat Hans Zender seine 1993 entstandene Version von Schuberts Liedzyklus «Winterreise» genannt. Es ist sein bekanntestes, meistaufgeführtes Werk, mit dem er auch Hörer außerhalb des Avantgarde-Zirkels erreicht. Es war nicht die erste Bearbeitung dieser «schauerlichen Lieder» (wie Schubert sie selbst bezeichnete), und es sollte auch...
Christoph Schlingensief hatte einen Traum. Einen durch und durch romantischen Traum. Er träumte von einem Ort weit abseits der etablierten Musentempel, an dem die Kunst wieder zu sich selbst kommen würde, wo Menschen unterschiedlichster Herkunft, von Zwängen befreit, künstlerisch arbeiten und einen postkolonialen Diskurs führen könnten. In diesem Traum kam das...
Nur stillstehen, das sei nichts für ihn. Bewegen müsse er sich auf der Bühne, so sagte er einmal, aktiv und offensiv am Geschehen teilnehmen, dann sei er locker. Ungestümer als Ende der 1980er-Jahre ging es nicht: Da war Siegfried Jerusalem in der Partie seines Namensvetters eine der Stützen des so körperhaft-klugen Bayreuther Kupfer-«Rings». Eine astreine...
