Edle Einfalt, klingende Größe
Die Vorstellung ist geradezu grotesk. Sich auf den Tod zu freuen, ein solches Denken übersteigt jedes menschliche Maß. Es sei denn, man würde sich dem metaphysischen Zauber Dostojewskis verschreiben, der seinen (von Dämonen besessenen) Kirilow im Selbstmord die höchste Form der Freiheit finden lässt. Oder man empfände, gleichsam in religiöser Verzückung, einen derart immensen Trost in der Tatsache zu sterben, dass man, mit göttlichem Beistand, diesen Zustand der postmortalen Seligkeit tatsächlich herbeisehnte.
Das Finale aus Bachs berühmter Kantate «Ich habe genug» fügt dieser Seligkeit noch einen Hauch hinzu: Es tanzt im launigen Dreiertakt einen polyphon durchwirkten Pas de deux mit dem Tod. Ursprünglich hatte JSB dieses Schluss-Stück für einen Bass komponiert, später fügte er eine zweite Fassung für Sopran hinzu. Hört man sie nun mit Anna Prohaska, dann kommt es einem vor, als würden die Engel im Himmel singen, so ätherisch, so luzide klingt die Stimme der Sopranistin – ja, als würde sie tatsächlich mit zwei Flügeln in einem Ballkleid über den Dingen schweben. Was sie natürlich nicht tut: Das Album mit dem Titel «Redemption» (Erlösung), aufgenommen in der akustisch tollen ...
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Opernwelt Januar 2021
Rubrik: CD des Monats, Seite 29
von Jürgen Otten
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arte
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