Editorial September/Oktober 2018

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Manchmal fügen sich die Dinge am besten aus der Not heraus. Eigentlich sollte in der Salzburger Hofstallgasse wieder die «Aida» Einzug halten – in der feierlichen Schreit-, Sitz- und Steh-Anmutung, die Shirin Neshat Verdis Kassenhit vor einem Jahr verpasste, und mit jener marktbeherrschenden Diva, die 2017 im Großen Festspielhaus zum ersten Mal die äthiopische Königstochter mimte: Anna Netrebko.

Allein, die Vielumworbene hob sich ihren zweiten Aida-Einsatz lieber für den Herbst auf, für die nicht minder statische, aber mit monumentalem Ägypten-Pomp prunkende Produktion der Metropolitan Opera, die das New Yorker Publikum seit 30 Jahren entzückt. Etwas anderes musste also her, und dieses andere sollte sich als Glücksfall erweisen.

Die Rede ist von Mariss Jansons. Eigentlich wollte der 75-Jährige keine Oper mehr dirigieren. Doch dann ließ er sich von Markus Hinterhäuser verführen. Im vergangenen Jahr war seine schneidend-kristalline, emphatisch-ernste, ätzend-groteske Vergegenwärtigung von Schostakowitschs «Lady Macbeth» ein Höhepunkt des Festspielsommers. Nun durchleuchtete Jansons mit den Wiener Philharmonikern «Pique Dame», Tschaikowskys Schmerzenskind, das er 2016 in Amsterdam mit verausgabender Intensität als gebrochenes, tragisches Wesen, aber auch als ein Geschöpf der Moderne vorgeführt hatte. Auf der Bühne setzte sich Altmeister Hans Neuenfels erstmals mit dem Stoff auseinander – und fand so viel Gefallen an der Arbeit, dass er den angekündigten Rückzug vom Regiepult inzwischen widerrufen hat. Als großer Wurf könnte auch die neue Salzburger «Salome» in die Geschichte eingehen, vor allem wegen des fulminanten Charakterporträts, das Asmik Grigorian mit Stimme und Körper in Romeo Castelluccis archaischen Bildern zeichnete, und aufgrund der kammermusikalisch klaren, scharf umrissenen Klanggestalt, die Franz Welser-Möst aus Strauss’ Partitur gewann. Alles Weitere zum Auftakt der 98. Festspielsaison an der Salzach ab Seite 4.

Derweil suchte Bayreuths Prinzipalin Katharina Wagner im zehnten Jahr ihrer Festspielleitung mit Maler-Prominenz aus Leipzig, der Geburtsstadt ihres Urgroßvaters, zu punkten. Das Kalkül ging auf: Weder Musikdirektor Christian Thielemann noch das Hügel-Comeback Waltraud Meiers dominierten das Gespräch über die «Lohengrin»-Premiere, es war die blaustichige Patina der Ausstattung, die Neo Rauch und Rosa Loy für das Festspielhaus entworfen hatten. Umgehört haben wir uns natürlich auch bei der «Meistersinger»-Reprise, dem eigens für den Wagner-«Dirigenten» Plácido Domingo anberaumten «Walküre»-Nachklapp, dem Kinder-«Ring» und der ersten Uraufführung seit «Parsifal» (ab S. 12). Was sonst noch im Namen Richards des Großen geschah, finden Sie im Bayreuth-Tagebuch unseres Online-Theater-Magazins (www.der-theaterverlag.de/das-theatermagzin).

Eine detaillierte Würdigung des letztmals von Bernard Foccroulle verantworteten Programms von Aix-en-Provence (S. 20) darf ebenso wenig fehlen wie der Blick über den Bodensee nach Bregenz (S. 28) und kritische Kunde vom amerikanischen Musiksommer, diesmal aus Santa Fe (S. 32) und Tanglewood (S. 102), wo man übrigens vorab schon mal Leonard Bernstein als «American Hero» feierte – am 25. August wäre der Dirigent und Komponist 100 Jahre alt geworden. Das unvermindert boomende Phänomen der Park-, Kur- oder Landhaus-Oper/ette nehmen wir nicht zuletzt in Bad Ischl (S. 52), Glyndebourne (S. 54), Heidenheim (S. 55), Bad Wildbad (S. 96) und Garsington (S. 99) unter die Lupe.

Wie fühlt es sich an, nackt auf der Bühne zu stehen? Die Sopranistin Sara Jakubiak ist dieses Wagnis in Christof Loys Inszenierung von Korngolds «Wunder der Heliane» an der Deutschen Oper Berlin eingegangen. Bei uns gibt sie Auskunft (S. 62). Seit 20 Jahren bilden sie ein festes Team; aber wie funktioniert eigentlich die Verständigung zwischen Regisseur und Dramaturg? Stefan Herheim und Alexander Meier-Dörzenbach gewähren Einsicht in ihre Werkstatt (S. 46). Wie er mit Krankheit umgeht, warum das Singen im Kleiderschrank oder in der Seilbahngondel Gold wert sein kann, hat Simon Keenlyside seinem Kollegen Christopher Gillett erzählt (S. 100). In lockerer Folge wird Gillett, selbst im Tenorfach unterwegs, für uns Künstler zu ihrem Alltag befragen. In der Glosse, bislang seine Domain, werden künftig verschiedene Stimmen zu Wort kommen – ein «Zwischenruf» zu den jüngsten Fehlleistungen männlicher Allherrlichkeit im Klassikbetrieb macht den Anfang (S. 95).  


Opernwelt September/Oktober 2018
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten & Albrecht Thiemann

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