Editorial Opernwelt 4/24

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Das Beben in der Gelehrtenrepublik war weithin spürbar, als Mitte Februar der Ägyptologe Jan Assmann hochbetagt verstarb. Es ist wohl kaum vermessen, wenn man ihn zu den bedeutenden deutschen Kulturwissenschaftlern der (Spät-)Moderne zählt. Ausgestattet mit einem bestechenden Sinn für Systematik, war Assmann nicht nur auf seinem Spezialgebiet eine Koryphäe, er besaß zudem die Gabe, ethische, philosophische und philologische Fragestellungen auf blitzgescheite Weise miteinander zu verbinden.

Wenig Wunder, dass ihm bei den Forschungen über das kulturelle Gedächtnis der Menschheit irgendwann auch die «Zauberflöte» in den Schoß fiel. Sein brillantes Buch über Mozarts Singspiel gehört in jede gutsortierte Bibliothek.

Schon der Titel («Oper und Mysterium») deutet an, wie sich Assmann dieser klingenden Hieroglyphe, die nach Ansicht Peter von Matts «neben Shakespeares Trauerspiel Hamlet und Leonardos Bildnis der Mona Lisa das dritte große Rätselwerk unserer Kultur» ist, annäherte: mit akribischem, humanistisch durchdrungenem und musikologisch kundigem Blick. Es würde zu weit führen, den ganzen Kosmos zu durchschreiten, der sich in der Studie auftut, doch es lohnt die Mühe, einzelne Aspekte herauszugreifen. Ein Leitgedanke der «Zauberflöte», sei, so Assmann, «die Realisierung eines freimaurerischen Mysterienspiels im Medium der Oper und zugleich die Realisierung des neuen Projekts einer deutschen Oper am Thema einer Mysterienweihe» – und ein weiterer die Idee der Aufklärung, «die Befreiung von Aberglauben und Vorurteilen». Eine zentrale Rolle spielt hierbei – neben dem Orpheus-Mythos – der Topos der «Verwandlung», verstanden als «organisierendes, einheitsstiftendes Prinzip auf der Ebene des Rituals wie auch auf der Ebene des Bildungsromans», gewissermaßen als erlebte (und gelebte) Transzendenz. »Die Zauberflöte» als barockes Welttheater, bei dem die Musik und die Liebe an oberster Stelle stehen.

Man muss all dies noch einmal durch Herz und Hirn wandern lassen, um zu begreifen, wie grotesk jene Edition der «Zauberflöte» anmutet, die kürzlich von der Initiative «Critical Classics» vorgestellt wurde. Ziel dieser inter -disziplinären Vereinigung von Kulturschaffenden ist es nach eigenem Verständnis, «ein generelles Bewusstsein für diskriminierende Sprache in Opernlibretti zu wecken und anhand praktischer Beispiele eine Diskussion anzuregen, wie mit problematischen Inhalten umgegangen werden kann». Ein ganzes Jahr nun schraubte ein «hochkarätiges, divers besetztes Team» an Mozarts «Zauberflöte» herum, mit dem Resultat, dass die «etwas nachlässig behandelte» Pamina eine zusätzliche Arie erhält («natürlich auch von Mozart, aber mit neuem Text»), der dumm-dreiste Monostatos ein unehelicher Sohn Sarastros ist und «die wegen ihres Alters ausgelachte» Papagena zur «starken Amazone» mutiert.

Wohlan, damit ist viel versucht. Und vergessen wir nicht Schillers Wort aus den «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen», die Kunst sei «die Tochter der Freiheit». Gerade darin liegt ja Sinn wie Wesen dieser zweitschönsten Nebensache der Welt: dass sie kantisch kluge und kritische Fragen an die Werke stellt, um deren Tauglichkeit für die jeweilige Jetztzeit zu überprüfen, und gerade bei der «Zauberflöte» ist das häufig genug der Fall gewesen – nicht immer mit herausragendem Ergebnis, meist jedoch diskutabel. Zugegeben, eine Figur wie der «Mohr» Monostatos ist heikel, doch kann eine gute Inszenierung genau das mit scharfem Sinn thematisieren. Ob dem tumben Tor damit geholfen ist, der uneheliche Sohn Sarastros zu sein, möchte man allerdings bezweifeln. Warum die «Critical Classics»-Autorinnen und Autoren meinen, Pamina sei vernachlässigt, versteht man noch weniger, kreiert sie doch in ihrer g-Moll-Arie «Ach, ich fühl’s» einen der musikalisch bewegendsten Momente der Oper. Und wer, bitte schön, singt gemeinsam mit Papageno das wunderbar zarte Duett «Bei Männern, welche Liebe fühlen»? Also! Nachgerade ins Reich des Absurden führt die Idee, Papagena in eine Schwester von Penthesilea zu verwandeln, einmal abgesehen davon, dass auch diese Frau eine zentrale Botschaft der «Zauberflöte» vermutlich unterschreiben würde: «Mann und Weib, und Weib und Mann / reichen an die Gottheit an». Es ist ein Leichtes, diesen Vers zu modernisieren und zu transformieren, ohne irgendjemanden im Publikum zu diskreditieren, zumal er ja von (zwei liebenden) Theaterfiguren formuliert wird. Uns fällt in diesem Zusammenhang ein Satz des verstorbenen Schriftstellers Imre Kertész ein: «Nur Kunst, die Wunden weitergibt, ist etwas wert.» Wenn wir jetzt damit beginnen, eine jede Oper erst ins Antidiskriminierungsamt zu schicken, bevor sie auf die Bühne gelangen darf, rauben wir der Kunst jene Freiheit, die sie dringend braucht, um auch gesellschaftlich wirksam zu werden. Zensur war zu keiner Zeit hilfreich.


Opernwelt April 2024
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten

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