Editorial November 2020
Candide, Voltaires unverbesserlicher Optimist von Leibniz’ Gnaden, war nach seiner Verbannung aus dem westfälischen Heimatschloss an vielen Orten dieser besten aller Welten zu Gast. Er durchstreifte Surinam und Paraguay, machte Abstecher nach Cadiz, Konstantinopel und Lissabon, suchte sein Glück (oder besser: die geliebte Cunégonde) in El Dorado, weilte in der Stadt der Liebe. Am Big Apple aber war Candide nie. Und würde, sollte er in der Zwischenzeit sein Herz für das Musiktheater entdeckt haben, wohl auch staunend dastehen.
Zumindest vor jenem Gebäude, das die einst ruhmreiche Metropolitan Opera beherbergt.
Denn niemand würde ihn zurzeit hineinlassen. Die «Met», wie sie ehrfürchtig genannt wird, ist geschlossen. Bis September 2021. Seit Mitte März sind an dem mit 3800 Plätzen größten Opernhaus der Welt sämtliche Vorstellungen ausgefallen, der Umsatzverlust beläuft sich auf 150 Millionen US-Dollar. Und auch die 1000 Mitarbeiter müssen seit Mitte April zu Hause bleiben – ohne Bezahlung, was für sich genommen schon ein veritabler Skandal ist. Da nützt es auch wenig, dass Met-Intendant Peter Gelb verkündete, man werde die Zeit nutzen, um künstlerische wie wirtschaftliche Ziele den ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Die Aufklärung frisst ihre Kinder. Und Beethoven gibt dazu die Begleitmusik. Ein bedrückender, ja, unerträglicher Befund. Aber eben bittere Realität. Für Millionen, die in der Hoffnung auf ein würdiges (Über-)Leben vor Hunger, Gewalt, Verfolgung und Willkür aus ihrer Heimat vertrieben werden. Und unterwegs erfahren müssen, dass Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit...
Bei Händel findet sich für alle etwas. Die emotionale Palette seiner Musik scheint unerschöpflich. Das Farbenspiel der klingenden Affekte ist so raffiniert, in so feinen Nuancen ausdifferenziert, dass nichts und niemand vorgeführt, auf die eine, vermeintlich wesenhafte Eigenschaft reduziert wird. Auch wenn ihm, zumal dem risikofreudigen Theaterunternehmer in...
Im Anfang ist nicht das Wort. Sondern festliche Musik, wiewohl ironisch verfremdet. Das Orchester spielt die Introduktion zum dritten Akt von Händels «Salomo», aus der Tiefe des Raums kommt Valery Tscheplanova, auf High Heels, im hautengem Kostüm, in Händen die sternenbekränzte USA-Flagge. Einzug der Königin von Saba? Ja und Nein. Ja, weil erotische Energien...
