Editorial Dezember 2020
Kurz war er, der Sommer der Anarchie. Kurz, aber schön. Intensiv, gedankenreich, lustvoll. Zugleich ähnelte er ein wenig jener blassblauen Frauenhandschrift, die weiland den Werfel’schen Sektionschef Leonidas so tief bewegte: Als der Brief Vera Wormsers eintrifft, ist ihre Handschrift kaum mehr zu entziffern – und doch so präsent wie eine wehmütige Erinnerung. Also: Erinnern wir uns an den Sommer.
An das weithin hörbare, erstaunte Raunen innerhalb der Kulturszene, als die Salzburger Festspiele, im Gegensatz zu den meisten anderen Festivals, ihre Pforten öffneten – vier Wochen lang, mit verknapptem, gleichwohl inhaltsvollem Programm sowie einem auf Hochglanz polierten Hygienekonzept, das die Gesundheit gleichermaßen für Künstler und Publikum garantierte; zumindest durfte man das annehmen, da die Infektionszahlen während des Festivals nicht signifikant stiegen. Oder eigentlich gar nicht. Und das weder in Salzburg noch andernorts, wo man das mutige Pilotprojekt kurz darauf zum Anlass nahm, ebenfalls wieder zu spielen, und dabei mit größter Vorsicht zu Werke ging.
Tempi passati. Auf den Sommer folgte der Herbst, und der ist zusehends von Bitterkeit, Verzweiflung, hier und da sogar ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Eine «Lucia auf komisch» sei die Sache. Das Libretto «äußerst fragwürdig, an großer Pathetik krankend». So urteilte Brigitte Fassbaender in ihrer so eigenen, ironisch-unwirschen Art. Warum man dann «Dame Kobold» überhaupt riskiert? Es ist die Musik.
Doch zuvor musste Joachim Raffs Dreiakter, 1870 uraufgeführt in Weimar, in die Regensburger Theaterwerkstatt....
Es ist eine Fotografie mit hohem Symbolwert: Bonn, der Münsterplatz, 1945. Wohin das Auge schaut, Schutt und Asche. Lediglich zur Linken sieht man ein Gebäude, das von den Bomben verschont blieb. Und in der Mitte eine Statue, wie durch ein Wunder (oder durch höhere göttliche Eingebung?) unberührt, einsam, aber mächtig, in klassischem Faltenwurf. Das...
Liebe beginnt meist mit Verwunderung, mit Staunen, mit einem Blick, der alles verändert. Hier, in der dritten Szene des zweiten Akts, hebt diese Liebe in nachgerade unschuldig-lyrischem B-Dur an. Doch vernimmt man den weit entfernten Donner und blickt bereits an dieser Stelle auf das Ende der Oper, sollte man bei Samsons sanft tönenden Worten «En ces lieux» gewarnt...
