Editorial Dezember 2020
Kurz war er, der Sommer der Anarchie. Kurz, aber schön. Intensiv, gedankenreich, lustvoll. Zugleich ähnelte er ein wenig jener blassblauen Frauenhandschrift, die weiland den Werfel’schen Sektionschef Leonidas so tief bewegte: Als der Brief Vera Wormsers eintrifft, ist ihre Handschrift kaum mehr zu entziffern – und doch so präsent wie eine wehmütige Erinnerung. Also: Erinnern wir uns an den Sommer.
An das weithin hörbare, erstaunte Raunen innerhalb der Kulturszene, als die Salzburger Festspiele, im Gegensatz zu den meisten anderen Festivals, ihre Pforten öffneten – vier Wochen lang, mit verknapptem, gleichwohl inhaltsvollem Programm sowie einem auf Hochglanz polierten Hygienekonzept, das die Gesundheit gleichermaßen für Künstler und Publikum garantierte; zumindest durfte man das annehmen, da die Infektionszahlen während des Festivals nicht signifikant stiegen. Oder eigentlich gar nicht. Und das weder in Salzburg noch andernorts, wo man das mutige Pilotprojekt kurz darauf zum Anlass nahm, ebenfalls wieder zu spielen, und dabei mit größter Vorsicht zu Werke ging.
Tempi passati. Auf den Sommer folgte der Herbst, und der ist zusehends von Bitterkeit, Verzweiflung, hier und da sogar ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
An Olivier Messiaen kann man sich reiben – bis heute. Die von ihm nach dem Zweiten Weltkrieg vorangetriebene Schärfung des Denkens in Reihen hat die Serialität zum Herzstück der musikalischen Avantgarde Westeuropas werden lassen. Seine Neigung zu komplexen Rhythmen und aperiodischen Verläufen, zu denen er sich durch die Erkundung der Vogelgesänge inspirieren ließ,...
Liebe beginnt meist mit Verwunderung, mit Staunen, mit einem Blick, der alles verändert. Hier, in der dritten Szene des zweiten Akts, hebt diese Liebe in nachgerade unschuldig-lyrischem B-Dur an. Doch vernimmt man den weit entfernten Donner und blickt bereits an dieser Stelle auf das Ende der Oper, sollte man bei Samsons sanft tönenden Worten «En ces lieux» gewarnt...
In Wien gibt es eine Wels-Gasse, benannt ist sie nach Franz Wels, einem Pionier des Flugzeugbaus. Aber auch im Zusammenhang mit dem nämlichen Fisch ist sie an der Donau nicht ganz unbekannt, allerdings unter ihrem amerikanischen Namen Catfish Row, dem Schauplatz von George Gershwins «Porgy and Bess». Bereits im Jahr 1952 hatte, von Marcel Prawy arrangiert, ein...
