Editorial Dezember 2020
Kurz war er, der Sommer der Anarchie. Kurz, aber schön. Intensiv, gedankenreich, lustvoll. Zugleich ähnelte er ein wenig jener blassblauen Frauenhandschrift, die weiland den Werfel’schen Sektionschef Leonidas so tief bewegte: Als der Brief Vera Wormsers eintrifft, ist ihre Handschrift kaum mehr zu entziffern – und doch so präsent wie eine wehmütige Erinnerung. Also: Erinnern wir uns an den Sommer.
An das weithin hörbare, erstaunte Raunen innerhalb der Kulturszene, als die Salzburger Festspiele, im Gegensatz zu den meisten anderen Festivals, ihre Pforten öffneten – vier Wochen lang, mit verknapptem, gleichwohl inhaltsvollem Programm sowie einem auf Hochglanz polierten Hygienekonzept, das die Gesundheit gleichermaßen für Künstler und Publikum garantierte; zumindest durfte man das annehmen, da die Infektionszahlen während des Festivals nicht signifikant stiegen. Oder eigentlich gar nicht. Und das weder in Salzburg noch andernorts, wo man das mutige Pilotprojekt kurz darauf zum Anlass nahm, ebenfalls wieder zu spielen, und dabei mit größter Vorsicht zu Werke ging.
Tempi passati. Auf den Sommer folgte der Herbst, und der ist zusehends von Bitterkeit, Verzweiflung, hier und da sogar ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
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