Editorial April 2018
Kürzlich hat der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) sein jüngstes Zahlenwerk veröffentlicht. Die Botschaft: Es geht langsam bergauf, der Markt wächst wieder. Zwar ist man noch weit entfernt von den Spitzenwerten der 1980er- und 1990er-Jahre, als nach Einführung der CD die Gewinne explodierten. Aber der Abwärtstrend scheint vorerst gestoppt. Knapp 1,6 Milliarden Euro setzte die Branche 2016 um, drei Prozent mehr als 2015 (allerdings nach wie vor deutlich weniger als im Rekordjahr 1997, das mehr als 2,3 Milliarden Euro in die Kassen spülte).
Noch dominieren in Deutschland – anders als etwa in Schweden, Dänemark oder den USA – CD, Vinyl und DVD das Musikgeschäft: Physische Medien trugen mit gut 62 Prozent zum Gesamtergebnis bei. Doch die Gewichte verschieben sich: Schon bald dürfte die Nutzung von Audio-Streams, also das Online-Hören, die wichtigste Erlösquelle sein. Und hier wird es wirklich interessant.
Denn nach wie vor erfolgt die Bereitstellung von Musikdateien im Netz häufig ohne Zustimmung und ohne eine angemessene Vergütung der Urheber. Das eklatanteste Beispiel für diese Praxis ist YouTube. Nach Angaben der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) werden in der Bundesrepublik rund die Hälfte aller Musikclips bei Gratis-Plattformen abgerufen, die keine Rechte an dem Material besitzen. Während Streaming-Dienste wie Spotify oder Apple Music auf Basis von Lizenzverträgen arbeiten, operieren YouTube & Co. in einem rechtsfreien Raum. Nicht einmal 1 US-Dollar pro Nutzer und Jahr fließt einer IFPI-Studie zufolge von der Tochterfirma des Internetgiganten Google an die Rechteinhaber, also Komponisten, Interpreten, Labels und Verlage. Zum Vergleich: Spotify zahlt im Schnitt 18 US-Dollar. Gleichwohl: Die Zukunft gehört eindeutig dem Streaming – um satte 43 Prozent hat das Online-Geschäft mit Audio-Dateien 2016 zugelegt. Ein Beleg dafür, dass immer mehr Menschen bereit sind, für Qualität im Netz, etwa werbefreien Hörgenuss in HD-Qualität, zu bezahlen.
Freilich kann die jüngste Bilanz des BVMI und das berechtigte Pochen auf Leistungsschutz im Netz eine Erkenntnis nicht verdecken: Auch wenn die Musikindustrie, zumal Majors wie Warner, Universal oder Sony, Morgenluft wittern mögen, die Tage der allmächtigen Makler, die Künstlern wie Kunden die Bedingungen der Teilhabe quasi diktieren konnten, sind gezählt. Das gilt nicht zuletzt für den Nischenmarkt «Klassik». Längst haben viele Musiker (oft im Schulterschluss mit unabhängigen Produzenten), auch Orchester oder Konzert- und Opernhäuser begriffen, dass sie ihre Aufnahmen selbst produzieren und digitale Vertriebsforen wählen können, die ihnen eine faire Umsatzbeteiligung zugestehen. Plattformen wie das 2015 gestartete Klassik-Portal Idagio zum Beispiel, bei dem u. a. die Wiener Philharmoniker, das Cleveland Orchestra und der Bariton Thomas Hampson unterwegs sind. Dessen Gründer verstehen sich als Mittler zwischen Musikern und Hörern. Die Mission: klassischer Musik im Netz einen relevanten Platz zu verschaffen, im Sinne der Künstler und der Kunst. Alle sollen Zutritt haben, ein Premium-Monats-Abo nicht mehr als eine Kinokarte kosten. Halten wir fest, frohen Muts: Das vermeintlich kurz vor dem Aussterben stehende Klassik-Publikum ist durchaus zahlungswillig und offenbar quicklebendig. Die Künstler sind es sowieso. Nie war das Angebot größer, vielfältiger, zugänglicher als heute.
Übrigens: An der Bayerischen Staatsoper wurde das (Live-)Stream-Zeitalter 2012 eingeläutet. Dass am Münchner Max-Joseph-Platz 2021 ein neues Kapitel aufgeschlagen wird – wir haben es bereits im Januar-Heft verkündet–, ist nun amtlich: Dann werden Serge Dorny und Vladimir Jurowski als Nachfolger von Intendant Nikolaus Bachler und Musikdirektor Kirill Petrenko antreten.
Opernwelt April 2018
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten & Albrecht Thiemann
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