Editorial
Auf seiner Website nennt er sich «Saddo», vom englischen sad. Dabei klingt seine
Lebensgeschichte gar nicht so traurig. Der britische Tenor Christopher Gillett steht seit 35 Jahren auf der Bühne, überall. An der Scala, in Aix, in Los Angeles. In London hat er einst unter Carlos Kleiber gesungen, Rodrigo in Verdis «Otello». Kürzlich half er an der Seite von Diana Damrau, Iain Bells «A Harlot’s Progress» am Theater an der Wien aus der Taufe zu heben. Gerade probt er in Glyndebourne «Rosenkavalier», da gibt er den intriganten Schwätzer Valzacchi.
Gefühlte hundertmal ist er in Brittens «Midsummer Night’s Dream» aufgetreten, als Flute und als Snout. Vom Namen her wäre Bottom die passendere Partie gewesen – schließlich lauten die Titel seiner beiden Bücher «Who’s My Bottom» und «Scraping the Bottom». Beobachtungen aus dem Sängeralltag, der ja nicht immer von Glanz und Glamour und dem Griff nach den Sternen geprägt ist. Weil der Autor sich dabei selbst gründlich auf die Schippe nimmt, darf er sich auch über andere lustig machen. Künftig erzählt uns Christopher Gillett in einer neuen Kolumne «Aus dem Leben eines Taugenichts» (Seite 81).
Auf Gilletts charmant-despektierliche Randglossen ...
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Opernwelt Mai 2014
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Wiebke Roloff & Albrecht Thiemann
Der Lustschrei aus dem Auditorium gleich nach dem letzten Akkord des «Don Giovanni» erinnert an die Zuschauer-Hysterie zu Zeiten Karajans, und obwohl Nikolaus Harnoncourt einmal als «Un-Karajan» bezeichnet wurde, scheint vieles nicht unähnlich: ekstatische Publikumsreaktionen, der Medien-Hype und die -Verwertung. Als Ersatz für die wegen des unpässlichen Regisseurs...
Vor der Ouvertüre wird die Stimme des Regisseurs Pippo del Bono eingespielt. Während er von Mozarts Begräbnis erzählt – del Bono lebt seit über zwanzig Jahren mit der Diagnose Aids und verarbeitet die Auseinandersetzung in seinem Schaffen –, schwebt das Porträt des Komponisten auf dem Vorhang, daneben das von del Bonos Mitarbeiter und Muse, dem taubstummen «Bobò»,...
Operette braucht Stars. Mehr noch als die große Schwester Oper lebt das unterhaltende Musiktheater von charismatischen Persönlichkeiten, die aus brauchbarem Material eine tolle Show machen. Wer die Geschwister Pfister engagiert, bekommt den Glamour gleich im Dreierpack: Auf den Kleinkunstbühnen der Republik sind sie groß geworden, als wahlverwandte Kunstfiguren...
