Editorial

Wir wussten, dass Gerard Mortier nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Dass er den Tag im Mai, an dem «Opernwelt» und der «Ring Award» in Graz sein Lebenswerk mit einem neuen Preis für Musiktheater, dem «Mortier Award», würdigen werden, womöglich nicht mehr erleben könnte. Er hatte sich sehr über die Initiative gefreut und die Statuten des Preises mitbestimmt. Nun wollten wir ihn in Brüssel besuchen, um ihm die gerade fertig gewordene abstrakte Figur zu zeigen, die der Berliner Künstler Alexander Polzin gestiftet hat. Die Flüge waren gebucht.

Drei Tage vor dem geplanten Treffen in Brüssel hat Gerard Mortier den Kampf gegen den Krebs verloren.

«Ich mache mir keine Illusionen, aber ich hoffe», sagte er in unserem letzten Gespräch. Er war ein Zauberer mit Bodenhaftung. Ein Träumer mit nüchternem Blick für die Realitäten. Ein leidenschaftlicher Anwalt der Künste und loyaler Freund der Künstler. Unbeirrt glaubte er an das Kraftwerk «Oper». Dachte dabei nicht an Museum oder Sängerzirkus, sondern an eine moderne «Religion des Menschlichen» (siehe OW 3/2014). Tradition hieß für ihn Erneuerung. An dieser Mission hielt er fest, gegen alle Widerstände (unseren Nachruf finden Sie auf Seite 75). ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2014
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Wiebke Roloff & Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Frauenliebe, scheiternd

Es mag Zufall gewesen sein, dass der Besuch des Doppelabends mit Poulencs «Voix humaine» und Bartóks «Herzog Blaubarts Burg» genau auf den Weltfrauen-Tag fiel. Sind doch beide Einakter exem­plarisch auf das Schicksal einer in den Fesseln der Liebe ausweglos verstrickten Frau fokussiert. Die thematische Koinzidenz ist evident, wenn auch nicht unbedingt singulär....

Nachhilfe für Mozart

Lang ist das alles schon her: «Così fan tutte» gute acht, «Don Giovanni» sogar knappe elf Jahre. Und stilistischer Stillstand, das Ausruhen auf dem einmal Analysierten, das Zufriedengeben mit dem erfolgreich Erreichten wäre so ziemlich das Letzte, was man mit dem Workaholic Kirill Petrenko verbinden würde. Die Metamorphose verblüfft dennoch. An der Komischen Oper...

Der Klotz des Damokles

Verdis «Nabucco» ist eine Ansammlung starker Statements: Kampf der Kulturen, mosaisches Gesetz gegen Götzendienst, Liebe gegen Staatsraison, Machterschleichung und Apostasie – ein Knäuel von Handlungsfäden, jeder für sich ein ganzer Opernstoff, verpackt in emotional aufgeladene Gesangsnummern, mit mächtigen Chören dazwischen. Roland Aeschlimann, verantwortlich für...