Editorial 6/23
Letzte Dinge haben den Menschen schon immer interessiert, im Grunde seit jenem (sonnigen?) Tage, an dem er die Erde betrat, um sie und alles, was darauf herumkreuchte und -fleuchte, sich untertan zu machen. Insbesondere Endzeitvisionen waren von jeher in Mode, die Mächte des Thanatos mindestens so virulent wie die seines Kontrahenten Eros. Von den apokalyptischen Schreckensbildern in der Offenbarung des Johannes bis zu aktuellen Kassandra-Rufen über den prekären Zustand des Planeten reicht die Liste jener Pamphlete, die ungeschminkt die Vergänglichkeit alles Seienden proklamiert haben.
Und sogar auf dem Theater, jenem locus amoenus, der doch eigentlich auserkoren war, die Schönheit zu suchen, ging die Welt zugrunde – in Karl Kraus’ zutiefst düsterem Schauspiel über den Ersten Weltkrieg und dessen Verwerfungen «Die letzten Tage der Menschheit».
Auch die nachhaltigste aller Künste, die Oper, durfte von solchen Visionen nicht verschont bleiben. Oft schon haben pessimistisch gesinnte Geister ihr Ende ausgerufen, ohne dass die Gattung von der Bildfläche verschwunden wäre. Nun ist ein Buch erschienen, das erneut einem Angstaufschrei ähnelt und sich dezidiert auf Kraus’ megalomanes ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Herr Zeppenfeld, Anfang Februar haben Sie an der Dresdner Semperoper die Titelpartie in Verdis «Attila» gesungen, es folgte der Graf Rodolfo in Bellinis «La sonnambula». Ist es eine Genugtuung, dass Sie endlich wieder im italienischen Fach besetzt werden?
Irgendwie schon. Das Fach wird ja deutschen Sängern normalerweise nicht zugetraut. Und es ist eine Self-fulfill...
Hätte irgendeine Art von Schöpfer auf Bazon Brock gehört, der Tod wäre längst abgeschafft. Doch dann gäbe es auch Claudio Monteverdis «L’Orfeo» nicht. Die berühmte Favola in Musica von 1607, die vom Leuchten und vom Leid des großen Sängermenschen und Menschensängers Orfeo in derart schönen, schmerzvollen Tönen erzählt, dass man ihr Fehlen – gäbe es sie nicht – als...
Für Johann Sebastian Bach war Kirchenmusik, wie die Predigt des sonntäglichen Gottesdienstes, Verkündigung – «der Glaube gesungen», wie er selbst auf einem seiner Kantaten-Autographe notierte. Schon im Konzertsaal mit dem Kult der ästhetischen Autonomie, erst recht aber auf der Opern-, gar der Tanzbühne scheinen seine beiden großen Passionen fehl am Platz. Und doch...
