Editorial 6/23
Letzte Dinge haben den Menschen schon immer interessiert, im Grunde seit jenem (sonnigen?) Tage, an dem er die Erde betrat, um sie und alles, was darauf herumkreuchte und -fleuchte, sich untertan zu machen. Insbesondere Endzeitvisionen waren von jeher in Mode, die Mächte des Thanatos mindestens so virulent wie die seines Kontrahenten Eros. Von den apokalyptischen Schreckensbildern in der Offenbarung des Johannes bis zu aktuellen Kassandra-Rufen über den prekären Zustand des Planeten reicht die Liste jener Pamphlete, die ungeschminkt die Vergänglichkeit alles Seienden proklamiert haben.
Und sogar auf dem Theater, jenem locus amoenus, der doch eigentlich auserkoren war, die Schönheit zu suchen, ging die Welt zugrunde – in Karl Kraus’ zutiefst düsterem Schauspiel über den Ersten Weltkrieg und dessen Verwerfungen «Die letzten Tage der Menschheit».
Auch die nachhaltigste aller Künste, die Oper, durfte von solchen Visionen nicht verschont bleiben. Oft schon haben pessimistisch gesinnte Geister ihr Ende ausgerufen, ohne dass die Gattung von der Bildfläche verschwunden wäre. Nun ist ein Buch erschienen, das erneut einem Angstaufschrei ähnelt und sich dezidiert auf Kraus’ megalomanes ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Für Enthusiasten des italienischen Belcanto ist das Londoner Label Opera Rara Kult. 62 editorisch wie künstlerisch mustergültig betreute Gesamtaufnahmen fast durchweg vergessener Opern von Giovanni Simone Mayr bis Ruggero Leoncavallo sind dort erschienen. Den Anfang machte 1978 Gaetano Donizettis «Ugo, Conte di Parigi», dem seither allein 26 weitere Opern dieses...
Die Oper als «Kraftwerk der Gefühle», als welche Alexander Kluge sie so treffend bezeichnet hat, war immer schon ein Kampfplatz der Geschlechter. In den aktuellen Debatten über Feminismus, Geschlechtergerechtigkeit und Gender stellen sich viele Fragen zu den Themen des Genres Oper noch einmal ganz neu. Die Literaturwissenschaftlerin, Romanistin und...
Die Götter müssen verrückt sein! Wo bin ich da nur hingeraten?» Dergleichen mag Odysseus gedacht haben angesichts der Rumpelkammer, pardon: der begehbaren Kunstinstallation, in die sich Ithaka in den zwanzig Jahren seiner Abwesenheit verwandelt hatte. Wenn er schon die Heimat nicht wiedererkennt, wie wird es dann erst Penelope mit ihm ergehen? Kann es noch eine...
