Editorial

Opernwelt - Logo

Dass Musik das Herz ergreift, den Atem raubt, zu Tränen rührt – solchen Formulierungen haftet schnell der Ruch des Klischees, des Kitsches, des Sentimentalen an. Und die Vorbehalte gegen eine Rhetorik der Gefühlsemphase haben gute Gründe. Zum einen, weil diese Emphase von der Werbung vereinnahmt und dort zur Absatzförderung eingesetzt wird. Zum anderen, weil differenzierte Urteile ohne analytischen (Sach-)Verstand nun einmal nicht zu haben sind.

Und doch: Musik kann zu einer «existenziellen Erfahrung» (Helmut Lachenmann) werden, die alles aufruft, was uns ausmacht: Körper und Seele, Individuum und Gesellschaft, Leben und Tod.
Die amerikanische Mezzosopranistin Lorraine Hunt Lieberson war eine Sängerin, die immer aufs Ganze ging. Wenn sie den Sesto in Händels «Giulio Cesare», Charpentiers Médée oder die «Neruda Songs» ihres Ehemanns Peter Lieberson vortrug, brannte in ihr ein Feuer, das unmittelbar auf die Zuhörer übergriff. Das hatte nicht nur mit dem berückenden Timbre der Stimme zu tun, nicht nur mit Technik und einer beeindruckenden Palette von Ausdrucksnuancen. Die Ausstrahlung dieser Künstlerin wurzelte in einer persönlichen Integrität, der jedes Posieren, jede kalkulierte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2009
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Stephan Mösch, Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Exil für eine populäre Gattung

 Es ist nicht überliefert, ob Giuseppe Verdi Otto Nicolais Oper «Die lustigen Weiber von Windsor» gekannt hat, die zur Zeit der Arbeit am «Falstaff» erstmalig auf italienischen Spielplänen erschien. Dennoch sind die We­ge der beiden Komponisten auf merkwürdige Weise miteinander verbunden. Beide begannen ihre Laufbahn als Opernkomponis­ten im gleichen Jahr 1839 in...

Blaubart der Meere

Die fast schon verbindliche Richtung der «Holländer»-Deutung geht im Wesentlichen auf Joachim Herz’ kühne Berliner Inszenierung zurück, die von Harry Kupfer 1978 in Bayreuth aufgegriffen wurde. In die Phalanx der diversen Erben und Nutznießer reihte sich nun in Basel auch der Video-Clipper und «Nordwand»-Filmer Philipp Stölzl ein – mit nicht unbeträchtlichem...

Von gestern auf morgen

Etwaige Illusionen über die Bedeutung klassischer Musik werden den Besuchern der MIDEM schon gleich am Eingang genommen. Ganz durch die große Halle durch, die Treppe hoch und dann links in der Ecke – hätte die freundliche Stewardess am Counter des Festivalpalastes von Cannes nicht den Weg zur Klassik-Abteilung, sondern die Bedeutung von Bach, Beethoven und...