Editorial
Eine gute, selbst eine gut ausgebildete Stimme macht noch keine Karriere. Heute weniger denn je. Wer auf dem globalen Klassikmarkt wahrgenommen werden will, muss eine Nase fürs Business, für Marketing und PR haben. Er muss bereit sein, sich als Produkt zu vermarkten und vermarkten zu lassen. Das Image, das visuelle Profil wird dabei zum entscheidenden Faktor: Zum Darling der Massenmedien avanciert nur, wer sich deren Regeln unterwirft.
Der «Star»-Rummel um Cecilia Bartoli, Elina Garança oder Anna Netrebko wäre undenkbar, wenn die Damen perfekt gestylte öffentliche Selbstdarstellung verweigerten. Über stimmliche Vorzüge, Bühnenpräsenz oder interpretatorisches Charisma sagen die elegant polierten Gesichter natürlich nichts aus. Nur: Wenn einem die Werbefotos überall entgegenlächeln, entsteht irgendwann ganz von selbst der Eindruck, dass es sich um die Besten der Besten handeln müsse. Viele Plattenläden machen auch gar keinen Versuch, gegenzusteuern: Genauso, wie einzelne Sänger von den Firmen herausgepickt und plötzlich zum Star gehypt werden, so finden sich ihre CDs, Poster und DVDs in den Sonderregalen. Suggeriert wird: Wer in Sachen PR andere schlägt, der schlägt sie auch in ...
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In der Oper wird gesungen, im Melodram wird gesprochen. Schon lange hat sich diese merkwürdige Gattung aus dem breiten Musikleben verabschiedet, während die Oper als künstlerische Ausdrucksform nicht totzukriegen ist. Viele kennen Melodramen heute nur noch als experimentelle Werke – wie Schönbergs «Pierrot lunaire», der 1911 das Tor zur Moderne weit aufstieß....
Mit der heroischen Komödie «Tancredi», die er 1813 für Venedig schrieb, hatte der erst einundzwanzigjährige Rossini, wohl ohne es zu wissen, die Opera seria für sein Jahrhundert neu entdeckt und definiert. Ein heiterer, Dur-bestimmter Grundton durchzieht das fast durchweg ernste und dramatische Geschehen, das auf ein Trauerspiel von Voltaire (1760) zurückgeht. Im...
Anita Cerquetti war eine der rätselhaftesten Erscheinungen der Operngeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst zwanzigjährig debütierte sie 1951 als Aida in Spoleto, arbeitete sich in den folgenden Jahren mühsam durch die Provinzen in die erste Reihe vor und hatte ihre große Stunde, als sie im Januar 1958 nach dem skandalumwitterten «Norma»-Abbruch in Rom für die...
