Diktatur der Affekte
Der Mond über dem Palast des Herodes bleibt unsichtbar. Für den Pagen, der ihn mit «einer Frau» vergleicht, «die aufsteigt aus dem Grab»; für die Prinzessin, die ihn als «silberne Blume» besingt, «schön und keusch»; auch für den Tetrarchen, der in ihm «ein wahnwitziges Weib» erkennt, «das überall nach Buhlen sucht». Nicolas Brieger braucht für seine schlüssige Inszenierung des Oscar-Wilde-Dramas keine blutrot oder leichenblass schimmernde Scheibe, um abstrakt-metaphorisch auf die Lust- und Angst-Projektionen der «Salome»-Gesellschaft hinzuweisen.
Ihre Obsessionen, ihre seelischen Zerrüttungen führt der Regisseur am Grand Théâtre de Genève mit schonungsloser Unmittelbarkeit, in beklemmend konkreten Bildern vor. Das Maß dieser geschlossenen Welt sind nicht die Wonneschauer einer verführerischen, schaurig-schönen décadence, sondern ein auf die Spitze getriebener Nihilismus à la de Sade.
Schon die erste Szene offenbart jene Dialektik von enthemmter Gewalt und Leidenschaft, die alle Figuren, auch den Propheten, beherrscht. Auf der Terrasse eines nach hinten gekippten Monumentalbaus, der die Herrschaftsarchitektur des Faschismus evoziert (Bühne: Raimund Bauer), lassen sich die ...
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Eines der markanten Merkmale des Mannheimer Nationaltheaters sind die Logenbalkons aus rohem Sichtbeton, die im Laufe der Jahre schmuddelig und dunkel geworden sind. Ob sich Regisseurin Monique Wagemakers und Bühnenbildner Thomas Rupert für ihre Deutung der «Ariadne auf Naxos» von dieser Architektur haben inspirieren lassen, sei dahingestellt. Wenn der Vorhang...
Roman Brogli-Sacher, Lübecks seit Neuestem auch Regie führender GMD, ist nicht der Erste, der die Korrespondenz der «Salome»-Partitur zur bildenden Kunst entdeckt hat, aber er hat mit dem von Ulrike Radichevich zum Bühnenbild umfunktionierten Gemälde «Ad Parnassum» von Paul Klee eine besonders überzeugende Trouvaille vorgestellt: ein Bild von einer die Musik...
Wann immer man sich einer Ritter-Roland-Oper nähert, ist eines gewiss: Die Handlung wird turbulent, es geht chaotisch zu im Zauberreich der Alcina. Es wird wild geliebt, gehasst und gestritten. Was für den vielfach erfolgreich wiederbelebten «Orlando furioso» von Antonio Vivaldi gilt, funktioniert jetzt auch im Stadttheater Gießen mit Haydns «Orlando paladino»....
