Diktatur der Affekte
Der Mond über dem Palast des Herodes bleibt unsichtbar. Für den Pagen, der ihn mit «einer Frau» vergleicht, «die aufsteigt aus dem Grab»; für die Prinzessin, die ihn als «silberne Blume» besingt, «schön und keusch»; auch für den Tetrarchen, der in ihm «ein wahnwitziges Weib» erkennt, «das überall nach Buhlen sucht». Nicolas Brieger braucht für seine schlüssige Inszenierung des Oscar-Wilde-Dramas keine blutrot oder leichenblass schimmernde Scheibe, um abstrakt-metaphorisch auf die Lust- und Angst-Projektionen der «Salome»-Gesellschaft hinzuweisen.
Ihre Obsessionen, ihre seelischen Zerrüttungen führt der Regisseur am Grand Théâtre de Genève mit schonungsloser Unmittelbarkeit, in beklemmend konkreten Bildern vor. Das Maß dieser geschlossenen Welt sind nicht die Wonneschauer einer verführerischen, schaurig-schönen décadence, sondern ein auf die Spitze getriebener Nihilismus à la de Sade.
Schon die erste Szene offenbart jene Dialektik von enthemmter Gewalt und Leidenschaft, die alle Figuren, auch den Propheten, beherrscht. Auf der Terrasse eines nach hinten gekippten Monumentalbaus, der die Herrschaftsarchitektur des Faschismus evoziert (Bühne: Raimund Bauer), lassen sich die ...
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