Diesseits von Gut und Böse
Die reitenden Boten des Königs kommen sehr selten.» So dichtete Bertolt Brecht einst für das Finale der «Dreigroschenoper»: Er wollte damit das Happy End ironisch brechen - eine Art Verbrüderung mit dem kritisch denkenden Teil des Publikums.
Die Intervention des Übernatürlichen auf der bürgerlichen Bühne kommentierte der Meister der Verfremdung so: «Der reitende Bote garantiert ein wirklich ungestörtes Genießen selbst an sich unhaltbarer Zustände…» Das plötzliche Erscheinen des zum Finale eilig herbeireitenden Boten (oder auch das Einschweben des Deus ex Machina in der Barockoper, der Auftritt des Ministers in Beethovens «Fidelio» oder im «Freischütz» des Eremiten, der die abgründige Geschichte göttergleich zum Guten wendet) sind und bleiben höchst unwahrscheinlich: Im wirklichen Leben gehen die Dramen der Versagensängste und gesellschaftlichen Zwänge, der politischen Willkür und der individuellen Glücksansprüche meist schlecht aus. Kein Wunder, dass Werke mit erzwungenen Utopien in der Moderne zu den Schmerzenskindern des Musiktheaters gehören. «Fidelio» wie «Freischütz» lassen Regisseure zaudern, als stünden sie wie Max vor dem Probeschuss. Umso erstaunlicher, dass sich gleich ...
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Opernwelt September/Oktober 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 40
von Peter Krause
Wie Georg August Griesinger, der erste Biograph Joseph Haydns, uns mitteilt, klagte der alt gewordene Komponist darüber, «daß jetzt so viele Tonmeister komponiren, die nie singen gelernt hätten». Nicht nur für Haydn war der Gesang Grundlage aller Musik, egal ob für Stimme oder Instrument. Haydn selbst hatte das Singen als Sängerknabe am Wiener Stephansdom gelernt...
Im Sommer 1754 besuchte der preußische König Friedrich II. seine ältere Schwester in Bayreuth. Nach dem Tod ihres knauserigen Schwiegervaters war Wilhelmine seit 1735 als Markgräfin für das Wiedererblühen der Künste am Hof und in der Stadt zuständig und ließ unter anderem ein prachtvolles Opernhaus errichten. In diesem Theater, das seit 2012 zum...
Lieber Herr Trojahn, in diesem Monat erlebt Ihr «Orest» in Kopenhagen seine sechste Inszenierung seit der Amsterdamer Uraufführung 2011. Damals haben Sie in einem Interview über den Protagonisten, der als suchender Held zwischen zwei archaischen Systemen steht – dem Matriarchat, das den Gattenmord erlaubte, und einer neuen patriarchalischen Ordnung –, gesagt: «Wie...
