Die verletzbare Starke

Das Schönste an der Sängerin und dem Sänger des Jahres ist ihre Gegensätzlichkeit. Catherine Naglestad verkörpert ihre Partien im wahrsten Sinn des Wortes: Stimme und Spiel wachsen aus demselben ganzheit­lichen Ansatz. Eines ist ohne das andere undenkbar. Deshalb sind Naglestads Alceste, ihre Norma, Alcina oder Elisabetta so faszinierend verschiedene Figuren: Man hört sie mit den Augen und sieht sie durch die Ohren noch genauer.René Pape dagegen bleibt immer René Pape. Er hat unter den jüngeren Bassisten zweifellos die schönste Stimme, und er weiß sie in allen Registern zu nutzen: ein Körper als sonorer Resonanzraum von der Schädeldecke bis zu den Füßen, egal in welchem Kostüm er gerade steckt. Das hat ihm schon früh ­Engagements mit berühmten Dirigenten eingetragen und löst auf dem Konzertpodium genauso Beifallsstürme aus wie auf der Bühne.

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Alceste ist tot, die Partie zu Ende. Die Protagonistin aber sitzt die letzten zehn Minuten der Aufführung noch an der Rampe: still, ohne zu singen, das ganze Drama um Leben und Sterben noch einmal rekapitulierend. Die kleinen Bewegungen ihres Kopfes, die Verschattungen des Blicks erzählen. Alceste blickt aus dem Jenseits zurück auf die Welt, auf Hoffnungen und eine große, missverstandene Liebe. Das Nahtoderlebnis steht ihr noch ins Gesicht geschrieben. Und die ungelöste Frage, was das Selbstopfer, das sie für ihren Mann brachte, bewirkt hat.

Nichts als Verstörung, Dis­tanz, Einsamkeit? Die finale Musik weiß nichts von diesen Zweifeln. Sie schafft den Rahmen für ein festliches Ballett, und sie wird in der Stuttgarter Aufführung von Jossi Wieler und Sergio Morabito nicht gestrichen, sondern genutzt: als Kontrast zur Introspektive der Titelheldin. Ein starker, ein schizophrener, ein offener Schluss. Einer, der einzig von der inneren Kraft der Darstellerin lebt, ihr anvertraut und auferlegt, den ganzen Abend wortlos, stimmlos zu bündeln. Catherine Naglestad trägt diesen Schluss. Sie trägt den Abend. Alceste ist tot. Es lebe Alceste.
Es war ein Stück Arbeit. Die Sopranistin, die sonst ...

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Opernwelt Jahrbuch 2006
Rubrik: Sängerin und Sänger des Jahres, Seite 4
von Klaus Kalchschmid

Vergriffen
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