Die verletzbare Starke
Alceste ist tot, die Partie zu Ende. Die Protagonistin aber sitzt die letzten zehn Minuten der Aufführung noch an der Rampe: still, ohne zu singen, das ganze Drama um Leben und Sterben noch einmal rekapitulierend. Die kleinen Bewegungen ihres Kopfes, die Verschattungen des Blicks erzählen. Alceste blickt aus dem Jenseits zurück auf die Welt, auf Hoffnungen und eine große, missverstandene Liebe. Das Nahtoderlebnis steht ihr noch ins Gesicht geschrieben. Und die ungelöste Frage, was das Selbstopfer, das sie für ihren Mann brachte, bewirkt hat.
Nichts als Verstörung, Distanz, Einsamkeit? Die finale Musik weiß nichts von diesen Zweifeln. Sie schafft den Rahmen für ein festliches Ballett, und sie wird in der Stuttgarter Aufführung von Jossi Wieler und Sergio Morabito nicht gestrichen, sondern genutzt: als Kontrast zur Introspektive der Titelheldin. Ein starker, ein schizophrener, ein offener Schluss. Einer, der einzig von der inneren Kraft der Darstellerin lebt, ihr anvertraut und auferlegt, den ganzen Abend wortlos, stimmlos zu bündeln. Catherine Naglestad trägt diesen Schluss. Sie trägt den Abend. Alceste ist tot. Es lebe Alceste.
Es war ein Stück Arbeit. Die Sopranistin, die sonst ...
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Opernwelt Jahrbuch 2006
Rubrik: Sängerin und Sänger des Jahres, Seite 4
von Klaus Kalchschmid
Lassen Sie uns mit einer persönlichen Frage beginnen: Sie sind dreizehn Spielzeiten lang Chef der Bayerischen Staatsoper in München gewesen, Sie sind von Queen Elizabeth II. zum Knight of the British Empire geschlagen worden. Welche Anrede gefällt Ihnen am besten? Herr Staatsintendant? Sir? Mister Jonas?
Das mit dem Staatsintendanten habe ich sofort nach meinem...
Viel habe ich während meiner dreizehn Jahre als Intendant der Bayerischen Staatsoper gelernt. Dazu gehört, dass es leider nur zu oft unumgänglich für ein Opernhaus ist, bockig und kompromisslos zu sein. Es gehört zu unseren Aufgaben, die Vorstellung darüber, was möglich oder akzeptabel ist, auszudehnen. Die Politik sollte Toleranz aufbringen für das, was wir tun...
Da gelo a gelo» – «Von Erstarrung zu Erstarrung» könnte man den Titel von Salvatore Sciarrinos jüngster Oper übersetzen. Es ist die dritte Bühnenarbeit dieses Komponisten, die bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt wurde. Das Werk fußt auf dem Tagebuch der japanischen Dichterin Izumi Shikibu, die vor etwa tausend Jahren lebte. Sie gilt als die größte Poetin...
