Die verletzbare Starke
Alceste ist tot, die Partie zu Ende. Die Protagonistin aber sitzt die letzten zehn Minuten der Aufführung noch an der Rampe: still, ohne zu singen, das ganze Drama um Leben und Sterben noch einmal rekapitulierend. Die kleinen Bewegungen ihres Kopfes, die Verschattungen des Blicks erzählen. Alceste blickt aus dem Jenseits zurück auf die Welt, auf Hoffnungen und eine große, missverstandene Liebe. Das Nahtoderlebnis steht ihr noch ins Gesicht geschrieben. Und die ungelöste Frage, was das Selbstopfer, das sie für ihren Mann brachte, bewirkt hat.
Nichts als Verstörung, Distanz, Einsamkeit? Die finale Musik weiß nichts von diesen Zweifeln. Sie schafft den Rahmen für ein festliches Ballett, und sie wird in der Stuttgarter Aufführung von Jossi Wieler und Sergio Morabito nicht gestrichen, sondern genutzt: als Kontrast zur Introspektive der Titelheldin. Ein starker, ein schizophrener, ein offener Schluss. Einer, der einzig von der inneren Kraft der Darstellerin lebt, ihr anvertraut und auferlegt, den ganzen Abend wortlos, stimmlos zu bündeln. Catherine Naglestad trägt diesen Schluss. Sie trägt den Abend. Alceste ist tot. Es lebe Alceste.
Es war ein Stück Arbeit. Die Sopranistin, die sonst ...
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Opernwelt Jahrbuch 2006
Rubrik: Sängerin und Sänger des Jahres, Seite 4
von Klaus Kalchschmid
Jeder Komponist wandelt sich während seines Schaffensweges. Trotzdem sind die für das Lebenswerk György Ligetis charakteristischen Änderungen sehr überraschend. Im 20. Jahrhundert kann man sie, wenn überhaupt, nur mit Igor Strawinskys kompositorischer Vielseitigkeit vergleichen. Ligeti geht noch über Strawinsky hinaus: Bei einigen Werken glauben wir einen anderen,...
Lassen Sie uns mit einer persönlichen Frage beginnen: Sie sind dreizehn Spielzeiten lang Chef der Bayerischen Staatsoper in München gewesen, Sie sind von Queen Elizabeth II. zum Knight of the British Empire geschlagen worden. Welche Anrede gefällt Ihnen am besten? Herr Staatsintendant? Sir? Mister Jonas?
Das mit dem Staatsintendanten habe ich sofort nach meinem...
Titus kehrt zurück. Keine Oper hatte in Mozarts Jubeljahr 2006 einen so rauschhaften Wiederauftritt wie seine letzte: «La clemenza di Tito». An der bislang überschaubaren Diskografie lag’s wohl auch. Seit früheren Aufnahmen wie denen von István Kertész und Colin Davis (und trotz der späteren von Harnoncourt und Gardiner) schien es, als sei das Werk von der...
