Die Untergeher
Eine ähnlich radikale Umdeutung von Mozarts «Idomeneo», wie Peter Konwitschny sie jetzt in Heidelberg herausgebracht hat, war wohl noch nie zu sehen. Wenn am Ende des zweiten Akts das vom Meeressturm entsetzte Volk den Namen des Schuldigen fordert, entert der verzweifelte Titelheld, wie in einem Amoklauf den Gott Neptun verfluchend, das im Hintergrund auf der Bühne sitzende Orchester, drängt den Dirigenten gewaltsam vom Pult, ergreift die Partitur und schleudert sie in die Tiefe. Die Musik bricht ab, der Vorhang fällt.
Von diesem Moment an bleibt buchstäblich kein Stein mehr auf dem andern. Angedeutet hatte sich der verstörende Umgang mit dem Stück auf der in drei Tiefenebenen gestaffelten Bühne von Anfang an: kräftige Striche in der Musik und drastische Änderungen am Wortlaut des (wie schon in Konwitschnys Stuttgarter Inszenierung der Cherubini-«Medea» – siehe OW 1/2018) auf Deutsch gesungenen Textes. Die Handlung trägt sich auf dem schmalen Streifen des zugedeckelten Grabens zu, das Orchester spielt als musikalischer Mit-Akteur der theatralen Erzählung auf hoch- und niederfahrenden Podien im Hintergrund, dazwischen werden gemalte Wellensilhouetten von Punktzügen bewegt.
Los ...
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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Uwe Schweikert
Ach ja, die Liebe. Eine haarige Angelegenheit, heute mehr denn je. Die allesverschlingenden Märkte haben auch diese schönste Hauptsache der Welt amalgamiert; Gefühle sind im Wesentlichen ersetzt durch Akkumulation von Kapital, welches sie, als materialistische Konstante, darstellen. Der Planet bevölkert von lauter entfremdeten Konsumaffen, deren einziges Bestreben...
Wie umgehen mit diesem heiklen Dramma serio per musica, das da 1791, in Mozarts Todesjahr, noch rasch als «Krönungsoper» für Leopold II. – ein Auftrag aus Prag – erledigt werden wollte? Pietro Metastasios vielfach erprobtes Sujet war vorgegeben. Der römische Kaiser Titus, beileibe kein mildtätiger Herrscher, lässt nach Liebesintrige und Mordkomplott Gnade vor...
Am Anfang war der Kuss. Innig umschlungen stehen eine Frau und ein Mann in der Bühnenmitte, liebkosen sich mit der Zärtlichkeit des ersten Mals und wollen selbst dann nicht voneinander lassen, als das aus dem Raunen der Kontrabässe sich entwickelnde, initiale Es-Dur anschwillt zum Wagner’schen Klangstrom, der vom Werden der Welt kündet. «Weia! Waga! Woge du Welle»...
