Die Technik führt Regie
Ursprünglich nannte Walter Braunfels seine Oper «Die heilige Johanna». Und das Libretto basiert auch nicht, wie meist angegeben, auf den Prozessakten, die er gar nicht lesen konnte, sondern auf George Bernard Shaws gleichnamigem Erfolgsstück. Es ist eine klassische Literaturoper mit Einsprengseln aus Shakespeare, Schiller und dem Urteil der historischen Jungfrau von 1431. Warum Braunfels seine Quelle verschwieg, darüber lässt sich nur spekulieren.
Lag es an rechtlichen Gründen? Lag es daran, dass der Ire, der Hitler und sein Regime mehrfach verteidigte, ein Lieblingsautor der Nazis, besonders Goebbels’ war? War es Braunfels, der auch Hans Pfitzner unerschütterlich die Treue hielt, peinlich, dass Shaws «Heilige Johanna» gerade im Zweiten Weltkrieg als Anti-England-Propaganda über viele deutsche Bühnen ging, um den Kampfgeist zu stärken? Lag es daran, dass er seine Oper als Shaw-Korrektur konzipierte?
Was bei den «Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna» heute überwältigt, ist der Umstand, dass sie neben dem Shaw’schen Witz – gackernden Hühnern, die keine Eier mehr legen wollen; ein Panoptikum ausrastender Politiker-Karikaturen; ein larmoyanter Dauphin, der an Identitätsproblemen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Max Schreck hieß sinnigerweise der Schauspieler, der in Murnaus «Nosferatu» von 1922 die nämliche Schauergestalt spielte. 88 Jahre später begegnen wir seinem Klon auf der Bühne der Wiener Staatsoper – in Sven-Eric Bechtolfs Neuinszenierung von Paul Hindemiths Art-and-Crime-Oper «Cardillac», der ersten Premiere unter Direktor Dominique Meyer. Die Nosferatu-Gestalt...
Geschäftig wuseln die Streicher des RSO Wien, von Dirigent Bertrand de Billy energisch angetrieben, in den ersten Takten von «Ariadne auf Naxos». Beflissen eilt diese Musik voraus, möchte den Hörer führen wie der diensteifrige Einheimische den ortsunkundigen Fremden.
Doch wohin? Zunächst in einen «tiefen, kaum möblierten und dürftig erleuchteten Raum im Hause eines...
Es ist verlockend, aus der diesjährigen Saisoneröffnung an Roms Santa Cecilia eine kulturpolitische Botschaft herauszulesen. Gerade in dem Moment, da die Existenz der italienischen Opernhäuser durch die Sparpläne der Regierung gefährdet ist, bringt das Orchester der Hauptstadt mit Rossinis «Guillaume Tell» eine Oper, die zum Aufstand gegen Tyrannei und...
