Die Schlange an ihrem Busen

Wien feiert Händel. Claus Guth und Laurence Cummings blicken am Theater an der Wien tief in die Partitur von «Saul», bei David McVicar und William Christie in der Staatsoper gerät «Ariodante» zur Konfektionsware

Opernwelt - Logo

Oper oder Oratorium? Das ist hier nicht die Frage. Die Fakten sind eindeutig. Und besagen, dass «Saul», uraufgeführt am 16. Januar 1739 im King’s Theatre am Haymarket zu London, ein geistliches, typisch englisches Oratorium ist, in dem Georg Friedrich Händel, wie schon bei «Esther», «Deborah» und «Athalia», auf ingeniöse Weise Merkmale der italienischen Seria mit denen des deutschen Passionsoratoriums, der mehrchörigen lateinischen Psalmvertonung und des englischen Anthems verschmilzt.

«Ariodante» hingegen, vier Jahre zuvor am Covent Garden Theatre ins Taufbecken getaucht, ist per definitionem ein Dramma per Musica, mithin eine klassische Opera seria. Übrigens eine der besten aus Händels florierender Komponistenwerkstatt.

So weit die formal-inhaltlichen Unterschiede. Hat man aber nun in der von eisiger Kälte mitgenommenen kakanischen Metropole diese beiden Stücke gesehen – «Saul» im Theater an der Wien, «Ariodante» an der Staatsoper –, ergibt sich ein interessanter Befund. Nicht die Oper erscheint hier, und das beinahe genuin, als die geeignetere Bühnenform: Es ist das Oratorium. Und das hat vielfältige Gründe.

Es fängt mit den Räumen an. Und mit den Räumen in den Räumen. Die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Donaugeister

Hätte Nietzsche «Die Rheinnixen» gekannt, hätte er seine Meinung, Jacques Offenbach, «dieser geistreichste und übermütigste Satyr», sei «eine rechte Erlösung von den gefühlsamen und im Grunde entarteten Musikern der deutschen Romantik», womöglich relativiert. Denn es handelt sich hier durchaus um ein Werk, das als romantische Oper sui generis durchgeht, keineswegs...

Versuchsanordnung

Es ist ein kühnes Unterfangen, Goethes «Wahlverwandtschaften», jenen Roman, der auch für gestandene Germanisten nicht unbedingt zu den kurzweiligsten Lektüreerinnerungen gehört, auf ein Musiktheaterstück von knapp zwei Stunden einzudampfen. Der für das Libretto zuständige Autor Armin Petras reduziert Goethes in epischer Breite angelegtes Werk dazu auf seinen...

Auf der Flucht

Die Nacht der Liebe, sie ist Unter den Linden nicht Rausch, nicht Zauberspuk oder Krankheit, sondern eine Bedrohung. Ein Spiel, das Tristan nur zum Schein mitspielt. Weil es kein Entrinnen gibt aus dem Hause Marke. Weil Isolde nicht locker lässt, es wirklich ernst meint mit ihm, der am liebsten davongelaufen wäre. Zur Jagd mit der feierlaunigen Gesellschaft, die...