Die reine Lust
Gibt es so etwas überhaupt? Eine «freundliche Einsamkeit» und «amouröse Brisen»? Nun ja, bei Wolfgang Amadé Mozart schon, genauer: in jenem zartgliedrigen, leuchtend-verträumten Accompagnato-Rezitativ aus «Idomeneo», das über einem liegenden A-Dur-Akkord anhebt und in der Folge einen samtenen Teppich aus sordinierten Streichern und Klarinetten webt, darauf die verliebte Ilia ihrem Begehren freien Lauf lässt – mit einer elegant verzierten Melodie im Menuett-Rhythmus und federleichten Läufen.
Ein wunderbareres musikalisches Bild für jene schmeichelnden Zephirwinde, die Ilias Liebesgrüße zu ihrem Geliebten Idamante tragen sollen, wäre kaum denkbar.
Regula Mühlemann überbringt die Botschaft auf ihrer zweiten Mozart-CD mit Hingabe und staunenswerter Präzision, ohne jegliche Attitüde. Frei und ungekünstelt strömt ihr Sopran schon in diesem Rezitativ dahin, und auch im anschließenden E-Dur-Arioso erhält sich die Schweizerin ihre Natürlichkeit, die gepaart ist mit einer höchst kultivierten Diktion, akkuratester Phrasierung und einer stupenden Koloraturtechnik, die sie aber nie zum Selbstzweck einsetzt, sondern stets mit Blick auf die semantischen Bezüge der Arie. Im Mittelteil «E voi ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2020
Rubrik: CD des Monats, Seite 19
von Jürgen Otten
Der musikalisch ungemein hellhörige Philosoph Ernst Bloch entdeckte die Anagnorisis als «Topos für einen ungeheuren Einschlag in einem dadurch ungeheuer werdenden Augenblick, in dem die Musik zeigen muss, was sie kann». Als ein grandioses Beispiel für das klassische dramatische Element in der aristotelischen Tragödie beschreibt er das Wiedererkennen der seit...
Lullys letzte, 1686 uraufgeführte Oper «Armide» überdauerte alle Stürme der Zeit und stand bis 1766 regelmäßig auf dem Spielplan der Pariser Opéra – in freilich zunehmend übergriffiger Bearbeitung, bis ihr schließlich Glucks Opernreform, wie der französischen Tragédie en musique insgesamt, das Lebenslicht ausblies. Als Gluck dann 1777 das Sakrileg beging, Philippe...
Man sieht es, das Drama. Und muss sogleich an Heinrich Heine denken, an die zweite und dritte Strophe seines tieftraurigen «Traum»-Gedichts, darin die Seele des Dichters so unverkennbar leidet an der Welt. «Ich habe im Traum geweinet, / Mir träumt’, du verließest mich. / Ich wachte auf, und ich weinte, / Noch lange bitterlich. – Ich hab’ im Traum geweinet, / Mir...
