Die reine Lust

Regula Mühlemann und das Kammerorchester Basel beleben Bravour-Arien von Mozart

Gibt es so etwas überhaupt? Eine «freundliche Einsamkeit» und «amouröse Brisen»? Nun ja, bei Wolfgang Amadé Mozart schon, genauer: in jenem zartgliedrigen, leuchtend-verträumten Accompagnato-Rezitativ aus «Idomeneo», das über einem liegenden A-Dur-Akkord anhebt und in der Folge einen samtenen Teppich aus sordinierten Streichern und Klarinetten webt, darauf die verliebte Ilia ihrem Begehren freien Lauf lässt – mit einer elegant verzierten Melodie im Menuett-Rhythmus und federleichten Läufen.

Ein wunderbareres musikalisches Bild für jene schmeichelnden Zephirwinde, die Ilias Liebesgrüße zu ihrem Geliebten Idamante tragen sollen, wäre kaum denkbar.

Regula Mühlemann überbringt die Botschaft auf ihrer zweiten Mozart-CD mit Hingabe und staunenswerter Präzision, ohne jegliche Attitüde. Frei und ungekünstelt strömt ihr Sopran schon in diesem Rezitativ dahin, und auch im anschließenden E-Dur-Arioso erhält sich die Schweizerin ihre Natürlichkeit, die gepaart ist mit einer höchst kultivierten Diktion, akkuratester Phrasierung und einer stupenden Koloraturtechnik, die sie aber nie zum Selbstzweck einsetzt, sondern stets mit Blick auf die semantischen Bezüge der Arie. Im Mittelteil «E voi ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2020
Rubrik: CD des Monats, Seite 19
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Funkelndes Kleinod

Die Güte Gottes? Scheint unermesslich. Zumindest in dieser Geschichte aus dem ersten Buch Mose, die mit größtmöglicher Empathie das Schicksal einer jüdischen Familie schildert. Deren Oberhaupt, der greise Tobit, gerät, weil er tote Israeliten bestattet, mit den herrschenden Assyrern in Ninive aneinander und erblindet. Auch Sara, die Tochter eines Verwandten,...

Spiel der Erinnerungen

Adornos Diktum klebt fest, auch wenn es immer wieder infrage gestellt und kritisch gewendet worden ist: Nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, sei barbarisch. Und gar eine «Auschwitz-Oper»? Auch wenn es fragwürdig sein mag, einen solchen Begriff auf «Die Passagierin» von Mieczysław Weinberg anzuwenden: Die Notwendigkeit des Erinnerns ist ein Wesenskern der...

Wachgeküsst

«Ein Verbrechen, das einem die Krone bringt, ist keines.» Fast beiläufig lässt Lottario, der Enkel Karls des Großen, im Rezitativ diese Bemerkung fallen. Ein Credo – nicht nur seines, sondern dieser ganzen schrecklichen Familie, überhaupt all jener, deren Macht- und Besitzgeilheit sie über Leichen steigen lässt. Der Erste verröchelt schon am Boden, während George...