Bilderrausch und Biedermeier
Es liegt wohl nicht nur daran, dass eine der legendärsten Produktionen des Theatermagiers Robert Wilson vor genau 30 Jahren das Licht der Theaterwelt erblickte und deshalb gerade jetzt so häufig gespielt wird. Vielmehr kommt «Black Rider», Wilsons Adaption des «Gespensterbuchs» von Adolf Apel auf ein Libretto von William S. Burroughs mit der Musik von Tom Waits den derzeit herrschenden Corona-Hygiene-Regularien in vielfacher Hinsicht entgegen.
Nicht nur hat das bizarre Werk genuin eine starke Künstlichkeit, auch das Revuehafte der Abläufe ist derzeit ohne ästhetische Verluste zu realisieren, und die überschaubar besetzte Band passt gegenwärtig in jeden Graben. Diese günstigen Rahmenbedingungen haben derzeit mehrere Theater dankbar aufgenommen; allein in Nordrhein-Westfalen stand das Werk auf den Spielplänen von Neuss, dem Musiktheater im Revier Gelsenkirchen und dem Theater Bielefeld.
Vergleicht man nur die Produktionen in Gelsenkirchen und Bielefeld, werden Probleme und Chancen dieses Stücks gleichermaßen evident. Nicht ohne Grund wird bis heute bei jeder Neuinszenierung im Programmheft die Formel «Regie und Stage Design der Originalproduktion von Robert Wilson» abgedruckt. Das ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Regine Müller
Am schlimmsten sind die Wutbürger. Kläffen sich die Seele aus dem Leib, sobald der Vorhang fällt, in der Hoffnung, man werde ihnen die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Und, so betrüblich es ist: Es funktioniert. Der ganze Saal blickt sich um, wenn aus den oberen Rängen, wo die Schreidackel bevorzugt sitzen, das niederschmetternde «Buh» auf die armen Künstler,...
Metronome klicken und klacken gleich einer kakophonischen Fuge. Die jeden Klavierschüler nervenden Dinger lernen laufen, unter Wasser sogar, wo sie auf den grimmig dreinblickenden Herrn Beethoven treffen, der just hier unten, in den Tiefen des Rheins, der fernen Geliebten in diversen erotischen Unterwasserstellungen näherkommen darf, als es da oben auf Erden...
Irgendwann einmal wird man hoffentlich nicht mehr erzählen, wie eine Operninszenierung mit den herrschenden Hygieneregeln umgeht. Aber noch ist es interessant zu sehen, dass es kluge Lösungen gibt, die nichts von einem Behelf haben, die in sich sinnstiftend sind. Fällt es noch relativ leicht, die Solisten auf Abstand zueinander auf der Bühne zu halten, so bleiben...
