Die Ratten vor den Ratten
Das Festival Junger Künstler war schon immer für Überraschungen gut. Im Europasaal des «Zentrums», wo 1982 die szenische Uraufführung von Mozarts Azione teatrale «Il sogno di Scipione» stattfand, wurde tatsächlich ein Stück von Richard Wagner aus der Taufe gehoben. Kein Wunder allerdings, dass die Posse «Eine Kapitulation» bislang nie gespielt wurde. Sie gehört zweifellos zu den wirrsten, politisch abstoßendsten – wenn auch interessantesten Schöpfungen des reifen Wagner.
Sie ist beides: erstens eine auf historischen Ereignissen basierende politische Satire gegen die Franzosen, als solche eine unwürdige, übel kabarettistische Rache für die doppelte Vertreibung Wagners aus Paris (1842 und 1861), und zweitens eine Kritik an der Vergnügungssucht der eigenen Landsleute. Es gehe einzig darum, «die deutschen Theaterzustände lächerlich zu machen», behauptete Wagner im Vorwort zu seinem «aristophanischen Lustspiel». Ob man ihm das glauben soll, ist strittig. Regisseur Georgios Kapoglou, der beim Festival Junger Künstler bereits zwei schöne Wagner-Produktionen inszenierte, nimmt eher das selbstkritische Moment wahr, um das im Affekt geschriebene Tages-Mach-Werk vor dessen Schöpfer und dem ...
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Es dauert nicht lange, da serviert Calixto Bieito im Basler Theater den ersten Schocker. Ramfis (mit eindrucksvollem Oberkörper und kräftigem Bass: Daniel Golossov), ganzkörperbemalt als eine Art Fußballkrieger, hat ein aufgeschlitztes Reh dabei und wühlt in den blutigen Eingeweiden, während er die Schnauze küsst. Ein Priester in Soutane führt ein Kind an der...
Plötzlich ging es schnell. Keine Woche nachdem die Münchner Kulturpolitik (samt Machtkämpfen und einzelnen Produktionen der Staatsoper) in der Kritikerumfrage der «Opernwelt» als «Ärgernis des Jahres» gewertet wurde, traten Kunstminister Wolfgang Heubisch und Intendant Nikolaus Bachler vor die Presse. Bahnhof für den neuen Generalmusikdirektor der Bayerischen...
Ein Werk wächst. Wechselt Farbe, Form, Figur. Bleibt aber beständig, nur eben anders gefasst. In seinem wunderbar präzisen «Versuch über Musik und Sprache» hat der Philosoph Albrecht Wellmer den Gedanken einer während ihres Fortbestehens in der Welt sich stetig entwickelnden Partitur umschrieben. Diese, heißt es da, sei nicht schon das Werk, das in ihr gemeint ist....
