Die leise Stärke

Kassel: Reimann: Lear

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Ein Werk wächst. Wechselt Farbe, Form, Figur. Bleibt aber beständig, nur eben anders gefasst. In seinem wunderbar präzisen «Versuch über Musik und Sprache» hat der Philosoph Albrecht Wellmer den Gedanken einer während ihres Fortbestehens in der Welt sich stetig entwickelnden Partitur umschrieben. Diese, heißt es da, sei nicht schon das Werk, das in ihr gemeint ist. Auch die Aufführung könne nicht identisch mit dem Werk sein, «da sie ja nur eine von unzählig vielen anderen möglichen klanglichen Realisierungen einer Partitur, eben von Aufführungen des Werkes, darstellt».

Folglich, vermutet Wellmer, sei das Werk nirgendwo als solches greifbar; «es» existiere nur, als niemals definitiv Fertiges, Vollendetes, wie der imaginäre Fluchtpunkt eines potenziell unabschließbaren Verweisungsspiels zwischen dem Notentext und seinen Realisierungen.

Wie kaum ein zweites Musiktheater aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann Aribert Reimanns «Lear» unter diesem Blickwinkel betrachtet werden, zählt diese Oper doch zu jenen seltenen Werken, die nach ihrem ersten Erscheinen weiterhin enorme Beachtung gefunden haben. Von der Uraufführung 1978 in der Bayerischen Staatsoper, mit Dietrich ...

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Opernwelt November 2010
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Jürgen Otten

Vergriffen
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