Die pure Energie

Wenn sie lacht, wackeln die Wände. Und sie weiß das, gebietet sie doch in hohem Maß über jenes dramatische Talent, das der liebe Gott manchen Irdischen in die Wiege legt. Aber nicht nur das. Auch sängerisch zählt Nicole Chevalier längst zu den Besten ihres Fachs. Ein Gespräch über tragische und andere Frauen, radikale Regiekonzepte, Gurus auf der Bühne und im Graben sowie die Frage, ob es Zufälle im Leben gibt

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Frau Chevalier, Sie kommen gerade aus Wien, wo Sie am Theater an der Wien die Titelrolle in Peter Konwitschnys Inszenierung von Massenets «Thaïs» verkörpert haben. Die Premiere konnte wegen Corona nicht vor Publikum stattfinden. Was macht das mit Ihnen? Und ergibt eine «Thaïs» vor leerem Saal überhaupt Sinn, wo keiner da ist, für den Sie das machen?
Eine interessante Frage. Als das Virus vor gut einem Jahr nach Europa überschwappte, war ich ebenfalls in Wien und probte am selben Ort mit dem Regisseur Christoph Waltz Beethovens «Fidelio».

Es war mein Rollendebüt – und vermutlich die erste und letzte Hosenrolle, die ich in meinem Leben gesungen haben werde. Natürlich hatten wir alle von Corona gehört, aber ich hätte damals nicht gedacht, dass es wirklich ein Problem für uns werden könnte; es war so fern. Und dann, wie aus heiterem Himmel, erhielten wir bei der Sitzprobe die Nachricht, es sei unklar, ob die «Fidelio»-Vorstellungen überhaupt stattfinden könnten. Es war ein Schock. Dennoch absolvierten wir unsere Endproben wie gehabt. Sie dürfen nicht vergessen, dass wir Sänger ja auch Athleten sind. Wochenlang beschäftigt man sich ausgiebig mit der Musik, mit dem Text; man versucht, ...

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Opernwelt Mai 2021
Rubrik: Interview, Seite 38
von Jürgen Otten

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