«... die oper erwirbt mir die Märtirerkrone»
Kein anderes Werk des Standardrepertoires weckt so viel geballtes Unbehagen wie Beethovens einzige Oper «Fidelio». Gibt man nicht gleich dem Komponisten selbst die Schuld, indem man dem Theaterfremden die Begabung zum Opernschreiben rundweg abspricht, so mindestens den beteiligten Librettisten, denen es selbst in drei Anläufen nicht gelungen sei, ein dramatisch stringentes, sprachlich halbwegs akzeptables Textbuch zu schreiben.
Dass das Häusliche im Kosmischen, die «kleingeschneiderte Singspielidylle» (Peter Gülke) im utopischen Menschheitsfinale sich spiegelt, der scheinbare Stilbruch der Handlung also zwei Seiten derselben Sache zeigt, will man bis heute nicht einsehen. Erst recht Anstoß erregen die gesprochenen Dialoge. Statt sie als Medium ernst zu nehmen und die Fremdheit ihrer altväterischen Patina zuzulassen, streicht man sie auf ihren Informationsgehalt zusammen oder ersetzt sie, seit Wieland Wagners bahnbrechender Stuttgarter Inszenierung 1954, am liebsten ganz. Im Beethoven-Jahr 2020 ist erneut der Streit um die Fassungen ausgebrochen: Manfred Honeck hat die zweite Bearbeitung aus dem Jahr 1806 am Theater an der Wien auf ihre musiktheatralische Lebensfähigkeit getestet ...
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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Beethoven 250, Seite 81
von Uwe Schweikert
Die Musikkritik sieht sich heute selbstverständlich denselben Problemen gegenüber wie die von ihr besprochene Musik selbst, denn in einer formatierten Welt des like und dislike hat es der Wunsch nach Differenzierung schwer. Die Verschiebung jedweden Urteils einer unbegrenzten Anzahl von Richtern in die öffentlichen Medien hat eben nicht nur Vorteile; ein Nachteil...
Es war der Morgen nach einer Premiere beim Festival in Aix-en-Provence im Jahr 2017, als ein Radiosender Jakub Józef Orliński um eine kurze Einspielung bat. Nein, sagte man ihm, er werde nicht zu sehen, nur zu hören sein, während er «Vedrò con mio diletto» aus Antonio Vivaldis «Il Giustino» singe. Also zog der Countertenor an, was man in einem südfranzösischen...
Wenn der Musikjournalismus stirbt, dann stirbt die Opernkritik zuletzt. Wenn auch seltener und kürzer, hält sie sich noch im Feuilleton und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Eine Stichprobe in der Schweizer Mediendatenbank zeigt, dass die Berichterstattung sogar zunimmt. Dass die Opernkritik dabei sturmfester ist als die Berichterstattung über andere Gattungen,...
