Die Oper, die aus der Ferne kam
Am Anfang ist der Ton. Oder besser: Es sind vier Töne. Eine kleine Sekunde aufwärts, eine kleine Sekunde abwärts, dann ein Quartfall. Vier Töne, vier Silben: O-ce-a-ne. Noch bevor Oceane von Parceval, die geheimnisvolle Protagonistin von Detlev Glanerts gleichnamiger Oper, auf der Bühne erscheint, ist die Melodie ihres Namens schon präsent – als unbegleitete Vokalise. Das Viertonmotiv spinnt sich weiter, entwickelt sich aus einer verhangenen Moll-Anmutung in eine hellere Dur-Farbe.
Nach und nach kommt das Orchester dazu: Harfen zunächst, hohe Streicher, eine Solo-Violine wie ein Lichtstreif am Horizont, später der Goldglanz der Hörner. Nichts anderes als einen Sonnenaufgang hat Glanert hier komponiert und damit einen der schönsten Opernanfänge zur Musikgeschichte beigesteuert: großzügig im Puls, luxuriös im Klang, satt in den Farben. Schönheit und Melancholie reichen sich wie bei den Spätromantikern geschwisterlich die Hand.
Nicht aus der Tiefe, wie beim «Rheingold», wächst dieses Musiktheater empor, es kommt aus der Ferne immer näher – und verabschiedet sich am Ende auch wieder dorthin mit einem spiegelbildlichen Schluss. Die Ferne, das ist hier aber das horizontweite Meer, das ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Clemens Haustein
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