Die Musik ist das Leben selbst
Dass die maßlose Anzahl an Mordtaten selbst dem Tod zu viel werden könnte, ist ein eindrucksvoller Gedanke. Es sagt mehr über das Morden als über den Tod, der gewiss ein Berufsteilnehmer mit Ehre im Leib oder im Knochengerüst ist. Ein Streik des Todes hat auch etwas unheimlich Komisches. Es ist schlecht für Mörder, es düpiert Tyrannen.
In Viktor Ullmanns Oper «Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung», geschrieben auf ein Libretto von Peter Kien, ist es der Kaiser Overall, dem die Arbeitsverweigerung des ermatteten Todes seinen geliebten Dauerkrieg ad hoc unterbricht. Auf Dauer ist die allgemeine Unsterblichkeit natürlich ein Problem. Der Tod nimmt die Arbeit erst wieder auf, als der Kaiser bereit ist, ihm als Erster zu folgen. Man muss nicht lange überlegen, an wen man hier im Jahr 1942 denken konnte und welch enorme Brisanz das hatte. Und das ist wirklich markerschütternd: Die offenherzigste, klügste Antikriegs- und Anti-Hitler-Oper weit und breit entstand im NS-Vorzeigelager Theresienstadt.
Ullmann, im selben Jahr aus Prag dorthin verschleppt, und Kien trieben die Vorbereitungen für eine Aufführung zunächst voran. Das Planungsteam rang mit der Zensur und auch mit sich selbst in der Frage, wie deutlich man werden durfte. Eine Premiere fand nicht mehr statt. Bis heute ist nicht ganz klar, ob die Beteiligten nicht mehr konnten oder nicht mehr durften – was allerdings an einem solchen Ort auch kein besonders großer Unterschied ist. Von den Beteiligten überlebten die wenigstens den Holocaust. Auch Viktor Ullmann, 1898 in Teschen (Cieszyn/Český Těšín) geboren, Sohn eines zum Katholizismus konvertierten hochrangigen Offiziers und selbst Weltkriegsteilnehmer, wurde wie Kien und zahlreiche andere Künstler – unter ihnen der «Brundibár»-Komponist Hans Krása – mit dem sogenannten «Künstlertransport» in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort 1944 in der Gaskammer ermordet.
Seine im Konzentrationslager entstandenen Kompositionen aber hatte er im Wissen um das, was kommen würde, an einen Vertrauten übergeben. Nach dem Krieg ging das Material an den bekannten Prager Schriftsteller H. G. Adler. Von England aus engagierte sich Adler dafür, aber erst in den 1970er-Jahren fanden sich einige Interessierte. Ende 1975 wurde «Der Kaiser von Atlantis» in Amsterdam uraufgeführt. Seither gibt es nicht so viele Inszenierungen, wie diese Oper verdient hätte. Aber es gibt sie. Die Rezeption stand lange unter dem Eindruck der Entstehungsgeschichte des «Kaisers von Atlantis». Der Respekt vor den Opfern und deren Würdigung als Dokument aus der Zeit des Holocaust ging dabei mit der (nicht nur) latenten Abwertung als Kunstwerk einher. Nicht zuletzt hielt sich (fälschlicherweise) lange die Vermutung, der Einstünder sei unvollständig. Dabei zeigt sich, dass Ullmanns Schöpfung ein Meisterwerk ist, kompositorisch informiert, sehr raffiniert, ehrgeizig auf engstem Raum.
Es wimmelt musikalisch von Anspielungen, Abwechslung, Einfällen. Das Deutschland-Lied, berühmtestes aller deutschsprachigen Wiegenlieder, oder der von den Nazis gern eingesetzte Luther-Klassiker «Ein feste Burg ist unser Gott» werden textlich und tonal geschmeidig angeschärft. Es gibt barockisierende Cembalo- und schmissige Jazz-Musik, es gibt effektvolle Sprech- und Sprechgesang-Passagen. Während der Tod als einzige Lösung erscheint oder während er sich bitten lässt (und zwar nicht aufzuhören, sondern endlich wieder anzufangen), ist die Musik das Leben selbst. Kurt Weill und nachher auch Gustav Mahlers «Lied von der Erde» drängen sich am ehesten als Bezüge auf. Dies aber nicht, um Ullmanns Leistung zu relativieren, sondern lediglich, um zu zeigen, auf welchem Niveau sich seine Musik bewegt.
Am Staatstheater Mainz sucht Regisseurin Ana Cuéllar Velasco begreiflicherweise aktuelle Anschlüsse. Der als «Lautsprecher» vorgestellte Ausrufer (Daniel Semsichko gehört damit das erste ikonische «Hallo!» des Abends) hat einen weißen illuminierten Würfel dabei, zweifellos neueste Technik. Von der Decke hängt sinnig ein weiterer sehr großer milchiger Würfel, der kaiserliche Palast. Offenbar ist auch in Atlantis der Wahlkampf in vollem Gange. Das überdimensionierte Kaiser-Werbe-Plakat trägt die Aufschrift «Unser Land in guter Hand – damit Atlantis stark und stabil bleibt». Dem markanten Sänger Brett Carter, von Kostümbildnerin Elionor Sintes reinlich weiß eingekleidet, fällt es nicht schwer, süß und vertrauenswürdig zu lächeln. Das ist total realistisch, aber es zeigt auch, dass es hier nicht um alles oder nichts gehen wird.
Der Tod (stimmlich sonor und doch gewitzt: Derrick Ballard) und der Harlekin (Collin André Schöning mit schön-scharf schneidendem Tenor) sitzen eingangs schlapp auf dem Sofa und haben keine Lust mehr. Wer kennt das nicht, dass man einfach nicht mehr mag und kann. Nicht einmal die stramme Trommlerin, Karina Repova, vermag daran noch etwas ändern. Der junge Soldat (Yoonki Baek) und Bubikopf (Jeeho Anja Park) haben auf diese Weise aber die Chance, sich in die Dschungelecke zu schlagen, die Hella Prokophs Bühne ebenfalls bereithält. Das ist erzählerisch der rührendste Moment des Abends: eine Rückkehr ins Paradies, zwei, die vorerst davonkommen und sich neugierig und still zurückziehen.
So sehr man nachvollziehen kann, dass die Inszenierung die Geschichte herauslösen will aus ihrem historischen Kontext und für unsere Tage wirkungsvoll machen will, so unverbindlich bleibt das Ganze letztlich doch. Im Abstrakten kann auch eine Scheu liegen, die aber dem «Kaiser von Atlantis» nicht gerecht wird, dessen Schöpfer ja nicht nur all ihren Mut zusammengenommen haben, sondern auch künstlerisch aufs Ganze gingen. Da dieses wichtige Bühnenwerk unerfindlicherweise auch an bundesdeutschen Bühnen nicht ohne Unterlass gespielt wird, ist es gleichwohl großartig, dass das Staatstheater Mainz eine gute, in musikalischer Hinsicht sogar sehr gute Aufführung anbietet. Der Spielort Kleines Haus – vorne mit eigens eingerichtetem Orchestergraben – tut der kammermusikalischen Besetzung natürlich gut. Paul-Johannes Kirschner leistet als Dirigent Filigranarbeit. Pep und Melancholie können sich gleichermaßen entfalten, es bleibt genügend Raum für die prächtigen Stimmen. Diese Musik will man hören und wieder und wieder hören.
Ullmann: Der Kaiser von Atlantis MAINZ | STAATSTHEATER
Premiere: 22. Februar 2026
Musikalische Leitung: Paul-Johannes Kirschner
Inszenierung: Ana Cuéllar Velasco
Bühne: Hella Prokoph
Kostüme: Elionor Sintes
Licht: Karin Gebert
Video: Judith Selenko
Solisten: Brett Carter (Kaiser Overall), Derrick Ballard (Der Tod), Collin André Schöning (Harlekin), Daniel Semsichko (Der Lautsprecher), Karina Repova (Der Trommler), Yoonki Baek (Ein Soldat), Jeeho Anja Park (Bubikopf, ein Soldat)
www.staatstheater-mainz.com
Opernwelt April 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Judith von Sternburg
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