Formgefühl und Leidenschaft
Ich nippe gerade am Jasmintee, um die gesalzenen Sonnenblumenkerne aus den Zähnen zu spülen, als oben auf der Bühne, unter bunten Lampions und Troddeln, das Spektakel losgeht. Während die Trommelgruppe sich an rasanten Rhythmen die Finger wund hämmert, sausen Speere durch die Luft, werden mit blitzschnellen Drehungen pariert, durch galanten Fußkick auf den Gegner zurückgefedert. Ausfallschritt links, Ducken rechts, Abrollen, Konter mit groteskem Augenrollen unter grell geschminkten Lidern.
In der Pekingoper ist auch der Krieg ein Ballett von höchster Präzision – ein akrobatisches Wunder zur Begleitung von rohen Holzschlägen und scheppernden Becken.
Den nächsten Abend verbringe ich nicht mehr bei Tee und Nüssen in der malerischen Huguang Guild Hall, sondern im «National Centre for the Performing Arts». Als schimmerndes Riesenei schwimmt es, direkt hinter den stalinistischen Quadern der «Halle des Volkes», seit 2007 auf künstlich angelegtem Fruchtwasser. In Sichtweite der Verbotenen Stadt hat der Franzose Paul Andreu dieses hybride Kulturzentrum mit Opernhaus, Konzertsaal und Theater gebaut: ein Ellipsoid aus fließenden Kurven und schwebenden Hüllen, unter denen man gesittet wandelt ...
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Am Ende durfte er sie doch noch in die Arme schließen. Drei Akte lang hatte Angela Gheorghiu auf der Konzertbühne der Deutschen Oper als Cileas Adriana Lecouvreur die unnahbare Diva gegeben. In stahlgrau schimmernder Robe, mit manierierter Gestik und extrovertierter Stimme. Die dunklen Töne der Verzweiflung, das Höhenfeuer der Eifersucht, das zum Ausdrucksmittel...
Mr. O’Neill, Sie singen sich gerade im Turbotempo durch das schwere Fach: Max und Florestan, Siegmund und Lohengrin, Samson und Otello – wird Ihnen da nicht manchmal schwindlig?
Ja, manchmal wache ich nachts auf und frage mich, ob das alles wirklich wahr ist. Aber es ist nun mal so. Die Karriere ist in den letzten zwei Jahren durchgestartet, und jetzt bin ich ein...
Die Spielzeit startet mit Verve. In Hannover erlebt Luigi Nonos «Intolleranza 1960» einen Zeitsprung in die Gegenwart: ganz aus der Musik heraus gedacht und gestaltet. Das Schiller Theater in Berlin, ab sofort für einige Jahre Heim der Staatsoper, wurde mit einer Uraufführung (unter Leitung von Daniel Barenboim himself) und zwei zeitgenössischen Einaktern eröffnet....
