Formgefühl und Leidenschaft
Ich nippe gerade am Jasmintee, um die gesalzenen Sonnenblumenkerne aus den Zähnen zu spülen, als oben auf der Bühne, unter bunten Lampions und Troddeln, das Spektakel losgeht. Während die Trommelgruppe sich an rasanten Rhythmen die Finger wund hämmert, sausen Speere durch die Luft, werden mit blitzschnellen Drehungen pariert, durch galanten Fußkick auf den Gegner zurückgefedert. Ausfallschritt links, Ducken rechts, Abrollen, Konter mit groteskem Augenrollen unter grell geschminkten Lidern.
In der Pekingoper ist auch der Krieg ein Ballett von höchster Präzision – ein akrobatisches Wunder zur Begleitung von rohen Holzschlägen und scheppernden Becken.
Den nächsten Abend verbringe ich nicht mehr bei Tee und Nüssen in der malerischen Huguang Guild Hall, sondern im «National Centre for the Performing Arts». Als schimmerndes Riesenei schwimmt es, direkt hinter den stalinistischen Quadern der «Halle des Volkes», seit 2007 auf künstlich angelegtem Fruchtwasser. In Sichtweite der Verbotenen Stadt hat der Franzose Paul Andreu dieses hybride Kulturzentrum mit Opernhaus, Konzertsaal und Theater gebaut: ein Ellipsoid aus fließenden Kurven und schwebenden Hüllen, unter denen man gesittet wandelt ...
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Clemens Krauss ist zweifellos einer der wichtigen Dirigenten des 20. Jahrhunderts, aber auch eine Reizfigur. Letzteres vor allem deswegen, weil er ab 1936 die Münchner Oper leitete und sich noch 1942 zum Chef der Salzburger Festspiele erklären ließ. Sich mit den Nationalsozialisten zu arrangieren und Kollegen zu ersetzen, die um ihre Stellung gebracht wurden...
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