Die Krankheit Angst
Entspringt es mangelnder Spielplanabsprachen zwischen den Intendanzen oder einem tieferen gesellschaftlichen Anliegen, dass derzeit Francis Poulencs Tragödie «Dialogues des Carmélites» landauf, landab, zwischen Dresden, Karlsruhe, Nancy und demnächst in Stuttgart zu sehen ist? Wollen sich auch kleinere Opernhäuser mit dem Etikett «Erstaufführung» schmücken? Oder geht es ihnen um die unmittelbare Publikumswirkung anhaltender Erschütterung – um einen Schock, der aus der Musik selbst hervorgeht, wenn 16 Nonnen des Klosters in Compiègne das Schafott besteigen und die Guillotine i
m Orchester in unregelmäßigen Abständen messerscharf niederfährt? Was für den 17. Juli 1794 verbrieft ist, 1931 von Gertrud von Le Fort in die Novelle «Die Letzte am Schafott» gefasst und von George Bernanos 1948 zum Schauspiel «Dialogues des Carmélites» dramatisiert wurde, hat der französische Komponist 1957 in seiner Oper weiter kondensiert. In zwölf Stationen wird die kurze Geschichte der von Glaubenszweifeln zerrissenen (fiktiven) Novizin Blanche erzählt, über die Poulenc sagte: «C’est mois». Er spielt damit auf die autobiographische Bedeutung seines Dreiakters an – auf die Überwindung der Angst. Damit ist ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Lotte Thaler
Draußen vor der Tür poltert die Tram über die Schienen, drinnen wartet einer vergebens darauf, dass sie kommt. Stattdessen pocht Fortuna an die Pforten, ganz vorsichtig, pianissimo, zugleich mit größter Intensität, con espressione und vom Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Michele Mariotti eindrücklich musiziert: wie ein Damoklesschwert aus...
Weil hier die Männer das Wort führen, setzt die Regisseurin Elisabeth Stöppler unmittelbar einen Akzent. Zum Vorspiel zeigt sie Eva, die Tochter des megareichen Pogner, in einem schmalen White Cube als Intellektuelle: Kurzhaarfrisur, Schülerin von Hans Sachs, dem Poetik-Professor im Nebenberuf, der ihr eben ein Lied verreißt. «Fanget an! So rief der Lenz in den...
Dass Pjotr Iljitsch Tschaikowsky schwul war, ist selbst im lebensbedrohlich homophoben Russland kein Geheimnis mehr, auch wenn diese Facette seines Lebens dort nicht nur von konservativen Kreisen lautstark angezweifelt wird. Im Krisenjahr 1877, als er bereits über seinem «Eugen Onegin» brütete, heiratete Tschaikowsky eine seiner Schülerinnen, um den...
