Die im Dunkeln sieht man nicht
Neben der nicht mehr zu diskutierenden Ex-Routine des Blackfacings beinhaltet Verdis «Otello» einen Mordfall, dem die Wendung «Verbrechen aus Leidenschaft» noch immer etwas Beschwichtigendes mitgeben kann. Der Begriff «Femizid» hingegen stellt einen anderen Zusammenhang her: Der Titelheld wird zu einem gewalttätigen Mann unter zahllosen anderen gewalttätigen Männern. Jeder hat seine Geschichte, jede dieser Geschichten läuft darauf hinaus, dass am Ende eine Frau getötet wird.
Hier schaltet sich am Staatstheater Mainz die südafrikanische Regisseurin Victoria Stevens in die Handlung: Wenn es für Otello und Desdemona jemals eine glückliche Liebe gegeben haben sollte, so muss das weit zurückliegen. Zum Liebesduett zwischen Tür und Angel umklammert Desdemona bereits einen Koffer und bekommt dann doch nicht den Absprung. Man posiert noch Seite an Seite für öffentliche Auftritte (auch mit den gemeinsamen Kindern), ansonsten ist alles Kälte und Distanz. Auf Videos sind eine junge Schwarze und Kindersoldaten zu sehen. Auf der Bühne spiegelt sich das lediglich in der Präsenz von Handfeuerwaffen und dann durch diese Schlusswendung: Nachdem Otello Desdemona getötet hat (in einem B-Gangsterfilm ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Judith von Sternburg
Lully und sein Librettist Philippe Quinault haben die Tragédie en musique 1673 erfunden, um der klas -sischen Tragödie ihrer Zeitgenossen Corneille und Racine ein gesungenes Drama zur Seite zu stellen. 14 Werke dieser Gattung entstanden bis zu Lullys frühem Tod 1687. Keine war radikaler als «Atys», die den Titel «Königsoper» trägt, weil sie die besondere...
Unermüdlich wirkt der Geist, der forscht. 92 Jahre alt ist Alexander Kluge, einer der maßgeblichen Intellektuellen dieses Landes, im Februar geworden und nach wie vor mit einer Wachheit gesegnet, die sich viele jüngere (und wokere) Teilnehmer an gesellschaftspolitisch-künstlerischen Diskursen vermutlich wünschen würden. Jüngster Beleg ist ein gemeinsam mit Sonja...
So viel gereckte Fäuste, wütend im Widerstand gegen eine verkehrte Welt. Später dann, am zweiten Abend des zweiteiligen, von Krystian Lada arrangierten Verdi-Pasticcios an Brüssels La Monnaie: so viel Pistolengefuchtel wie lang nicht mehr gesehen; schließlich geht es ja um die Geschichten von ein paar Männern und Frauen, damals, 1968, und 40 Jahre danach. Zwischen...
