Die Hölle sind wir alle
Trügerische Dorfidylle. Das große Mühlrad, der kleine Bahnhof, das winzige Kirchlein und ein Pferd, nicht die Kuh, auf dem Dach: Nikolaus Weberns Bühnenbild in Kateryna Sokolovas «Jenůfa»-Inszenierung suggeriert eine gleichermaßen veristisch-naturalistisch wie surrealistische Szenerie – Chagall meets Čapek.
Die Kostüme von Constanza Meza-Lopehandias verorten das Geschehen in der tschechoslowakischen Republik der 1920/30er-Jahre, die böhmisch-mährische Landidylle ist einer kleinbürgerlichen Atmosphäre gewichen, die klar signalisiert: Wir wollen keine Provinz sein.
Kateryna Sokolova gelingt mit ihrer nunmehr vierten Regiearbeit am Theater Freiburg eine stringente, vielschichtige Deutung von Janáčeks berühmtester Oper. Es geht um Menschlichkeit und Liebe. Und um die Frage der inneren Freiheit, zumal vor dem Hintergrund patriarchalischen (auch matriarchalischen) Denkens. Ein Höhepunkt: die Szene, in der die Küsterin den fatalen Entschluss fasst, das Kind zu ermorden. Die linke Wand des kargen Zimmers bewegt sich unaufhaltsam auf sie zu, angeschoben von einer in tiefes Schwarz gekleideten Gesellschaft, die sich der Frau in den Weg stellt, als diese aus der klaustrophobischen Kulisse ...
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Opernwelt März 2025
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Alexander Dick
Man sieht es und staunt: Der männliche Titelheld ist verdoppelt, also stirbt er auch zweimal. Während Tristan eins, singender (Privat-?)Patient einer Luxusklinik, exakt an der vom Komponisten bezeichneten Stelle ins Jenseits wandert, beobachtet sein Schauspiel-Double vom Rollstuhl aus dessen Sterben wie ebenfalls Isoldes Liebestod. Erst dann gibt auch der...
Im 19. Jahrhundert war Polen, aufgeteilt unter Russland, Preußen und Österreich, als Nationalgebilde quasi nicht existent und auch musikalisch, zumal auf der Opernbühne, ein armes Mäuslein. Wäre da nicht Stanisław Moniuszko (1819–1872) gewesen, der 1858 in Warschau mit der Zweitfassung seiner Oper «Halka» auf den Plan trat. Die begeistert aufgenommene Aufführung...
Im Kabinett der Frauenfiguren Massenets wirkt sie beinahe wie ein Mauerblümchen. Aber das ist angesichts der Konkurrenz nur zu verständlich, wirft man im Geiste einen Blick auf Thaïs, die frömmelnd-verführerische Kurti -sane, auf das mondäne Gespann Cléopatra und Roma, die geheimnisumwitterte Hérodiade oder auf Ariane, mythisch angehauchte Schwester des Wein- und...
