Die Grammatik der Schöpfung
Am Anfang war das Nichts (das aber, wie Hegel zu Recht anmerkte, nicht das reine Nichts ist, sondern ein Nichts, von dem etwas ausgehen soll), die klaffende Leere als denkbar kleinste Existenz. Wie es darin aussah, wissen wir nicht. Aber ein wenig, was sich danach ereignete: ein lauter Knall, 13,8 Milliarden Jahre vor unserer Zeit, oder, je nach Blickwinkel, die Schöpfung. Glaubt man Hesiod, verdankt die Menschheit ihre Gestaltwerdung aus dem Urzustand des Chaos einer glücklichen göttlichen Verbindung. Hier Nyx, die Königin der Nacht (und Magie), dort Erebos, Fürst der Finsternis.
Gemeinsam brachten sie Aither, den Himmel, und Hemera, den Tag, hervor. Aus der unbestimmten Nacht ging der große Tag der Bestimmungen hervor, aus unförmigen Nebelhaufen die lichtvollste plastische Erscheinung, aus mythischer Transzendenz ontologische Immanenz.
Im ersten Buch Mose, der Genesis, klingt die Geschichte etwas anders. In nur sechs kosmogonischen Tagen schuf (der liebe?) Gott Himmel und Erde und setzte den Menschen darauf fest. Der wiederum aber, so zumindest vermutete Arthur Schopenhauer in einem Akt humaner Rührung, ist seither das einzige Wesen, das sich beständig über sein Dasein wundert. ...
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Opernwelt November 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
Das Bild ist unvergessen: Frühherbst 2005, Bundestagswahl, die berühmt-berüchtigte Elefantenrunde. Der strahlenden Siegerin Angela Merkel gegenüber sitzt jener Mann, der, vermutlich weil er seine Niederlage nicht so recht verwinden vermag, augenscheinlich schon einige Gläser Gerstensaft intus hat. Gerhard Schröder, an diesem Abend als Bundeskanzler abgewählt, lässt...
Das Aristokratische seines Vorgängers fehlt ihm. Alessandro De Marchi eilte stets beflissen zum Pult, nach langer Editorenarbeit, die er mutmaßlich bei einigen Gläsern Acqua naturale vornahm. Ein Dirigent, der nach dem Tod von Alan Curtis die Nische des sorgsamen, widerhakenarmen Barock-Maestros allein besetzte. Ottavio Dantone, neuer Musikchef bei den Innsbrucker...
Das Solo des Englischhorns tönt hier so hell, klar und schlank aus dem Graben, als wolle es das «Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande» hervorrufen. Doch keine Pastoral-Idylle einer nie geschriebenen zweiten Oper Ludwig van Beethovens wird von diesem imaginären, Schalmei blasenden Hirten im dritten Aufzug mit Klängen gemalt. Tristan identifiziert...
