Die goldene Mitte
Eines haben viele Ausgrabungen fernab des Repertoires gemeinsam: Bei aller Freude über bislang selten gehörte Werke ist man schnell mit der Begründung bei der Hand, warum sich diese oder jene Oper doch nicht auf den Spielplänen gehalten hat.
Auch bei den zahlreichen Werken, die Saverio Mercadante (1795-1870) vertonte, urteilt man schnell: Nicht nur zeitlich lag er genau zwischen Rossini und Verdi, sondern auch stilistisch hängt er zwischen den beiden Polen – also nur ein Lückenbüßer? Nach seiner Oper «Il giuramento» von 1837 zu urteilen, die jetzt in Gießen nach fünfundzwanzig Jahren Pause wieder in einem Theater zu sehen ist, fand Mercadante mit den Opern seiner Blütezeit eher eine goldene Mitte: Hinreißender Melos wie in den schönsten Eingebungen Bellinis und Donizettis, aber auch schon eine formale Strenge – wie der Verzicht auf die zuvor obligatorische Cabaletta für die meisten Arien – machen aus seinem «Schwur» einen aufregenden Theaterabend für heutige Zuhörer. Dass das Stück nicht häufiger zu sehen ist, könnte trotzdem zwei gute Gründe haben: Nach derselben Stoffvorlage, dem Drama «Angelo, Tyran de Padua» von Victor Hugo, entstand Ponchiellis ungleich erfolgreichere Oper ...
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