Verdi: Otello
Auf riesiger, dreiteilig den ganzen Bühnenraum begrenzender Foto-Tapete ist im Augsburger «Otello» ein brausendes Meer gemalt (Bühne und Kostüme: Markus Meyer). So spiegelt die stets gegenwärtige Brandung zeichenhaft die immer aufgewühltere Seele Otellos, dem man Eifersucht beharrlich in die Ohren träufelt. Wie Anthony Pilavachi schon den von Wind und Wetter gepeitschten Chor zur Musik rhythmisiert über die Bretter wogen lässt, zeigt einen ebenso realistisch zupackenden wie theatralischen Zugriff.
Auch der Wechsel von Massenszenen und intimen Begegnungen in einer modernen Wohnlandschaft gelingen dem Regisseur ausgezeichnet, selbst Nebenfiguren wie Rodrigo (Robert Sellier) und Ludovico (Greg Ryerson) offenbaren erstaunliche Bühnenpräsenz. Nur am Ende zerfranst die Aufführung etwas unter einem Meer von mehrfach umdrapierten Grablichtern.
Pilavachi hat mit dem wahrhaft dämonisch singenden Riccardo Lombardi als Jago, dem dunkel timbrierten Jeroen Bik als Otello (dem die Höhe zu schaffen macht, am Ende aber ein überzeugend fahler Ton zur Verfügung steht), und einer immer schöner und erfüllter singenden Magdalena Bränland (Desdemona) ein Solisten-Trio zur Verfügung, das seine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Se prohibe fumar» stand im Juni 2005 rot und streng auf grauer Wand bei Andrea Breth draußen in der Helmut-List-Halle, anlässlich von Nikolaus Harnoncourts Styriarte. Und der Abend verlief auch so. Rauchen verboten, Liebe dito, Fantasie, Freiheit, alles. Bloß die Utopie blieb den Figuren damals im Bunkerraum, der den Geruch nach abgestandenem Schweiß zum Bild...
Man kann die Klagen bald nicht mehr hören: Das Publikum klassischer Konzerte und Opernaufführungen sei überaltert, und der jüngeren Generation fehle die Bildung, um Mozart, Verdi oder Wagner zu verstehen. Ganz zu schweigen vom Musiktheater des 20. und 21. Jahrhunderts. Statt bloß zu jammern, sind Orchester wie Opernhäuser längst zur Offensive übergegangen –...
«Zu behaupten, dass man heute Musik schreiben kann, die nicht den Zustand von Verheerung widerspiegelt, dem die Menschen im Spätkapitalismus unterworfen sind, heißt, Musik mit Scheuklappen schreiben, um es vorsichtig zu sagen», bemerkte Hans Werner Henze 1969 in «Musik ist nolens volens politisch». Später freilich relativierte er diese Behauptung, doch die...
