«Griselda» als Gesamtkunstwerk

Jean-Christophe Spinosi hat mit seiner dritten Vivaldi-Operneinspielung Maßstäbe gesetzt

Opernwelt - Logo

Langes Drumherumreden nützt in diesem Fall nichts: Diese Einspielung von Vivaldis «Griselda» ist eine der brillantesten Opernaufnahmen seit langem. Eine Produktion, die den Hörer keine Sekunde lang entspannen lässt, die ihn vom Sessel aufscheucht und auf eine harte Stuhlkante zwingt; nur so wird er mitbekommen, was hier an musikalischer Dramatik, Spannung und Intelligenz geboten wird.
Das von Apostolo Zeno stammende Lib­retto erweist sich, rein stofflich, als eine etwas befremdliche Nummer.

Es erzählt die Geschichte der Königin Griselda, die von ihrem Volk wegen ihrer niederen Herkunft verachtet wird und dennoch durch Mut und Leidensfähigkeit am Ende Liebe und Treue gewinnt. Allerdings wird diese Handlung, basierend auf einer Erzählung aus Boccaccios «Decamerone» immer wieder durch Verwirrspiele – Prüfungen, Entführer und Entführte, Rückkehrer und Ausbrecher – dermaßen verkompliziert, dass der Überblick leicht verloren gehen kann. Vivaldi hatte die Schwächen dieser Textvorlage erkannt und Carlo Goldoni mit einer Überarbeitung beauftragt.
Für den Komponisten bedeutete «Griselda» eine Art Höhe- und Wendepunkt in einem. Nach mehr als zweiundzwanzigjähriger Verdammung öffnete sich ihm ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2006
Rubrik: CDs, Seite 58
von Christoph Vratz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die goldene Mitte

Eines haben viele Ausgrabungen fernab des Repertoires gemeinsam: Bei aller Freude über bislang selten gehörte Werke ist man schnell mit der Begründung bei der Hand, warum sich diese oder jene Oper doch nicht auf den Spielplänen gehalten hat. Auch bei den zahlreichen Werken, die Saverio Mercadante (1795-1870) vertonte, urteilt man schnell: Nicht nur zeitlich lag er...

Die Sperrmüll-Metapher

Da sind sie wieder, all die Bekannten aus dem Regie­theater der Gegenwart: ein Einkaufswagen, ein paar Bierkästen, ein Gitterzaun, die Filmkamera – natürlich mit Simultanübertragung. Irgendwann ist Sperrmüllsammlung, könnte der weniger erfahrene Theatergänger mutmaßen, dann nämlich, wenn die Akteure das gesamte Gerümpel auf einen großen Haufen schmei­ßen. Dabei ist...

Traumtänzer des Untergangs

Detlev Glanerts neue Oper «Caligula» will nicht nur ins Innerste treffen – sie kommt auch daher. Zumindest war das der aufregende Plan des Kompo­nisten: dass alle Klänge in Kopf und Körper ­eines verzweifelten, halb wahnsinnigen Menschen entstehen. Dass sie ihn innerlich balsamieren wie ein letztes Erinnern an Schönheit oder ihm unerträgliche Schmerzen bereiten –...