Klischees, Klamauk und nichts weiter

Stuttgart, Bizet: Carmen

Opernwelt - Logo

Um das designergestylte Programmheft zu paraphrasieren: Ein Mord ist geschehen. Täter: Mann, 46 Jahre alt. Opfer: Bizets «Carmen». Grund: «Ich wollte sie nicht einfach umbringen; ich wollte ihre Schönheit zerstö­ren.» Sebastian Nübling hat bei seinem Operndebüt gleich mehrfach zu den zähesten Klischees des Regie­theaters gegriffen.

Also zeigt schon der Anfang in der Rückblende das Ende, erleben wir die Handlung aus der Perspektive des vor der Glotze im Sessel dahindämmernden José, dem außer seinen Obsessionen als Alter Ego noch ein grünes Männchen, genannt Surplus, im Nacken sitzt – ein Teletubby, der das Spiel mit seinen infantilen Verrenkungen begleitet. Ein ästhetischer Mehrwert entsteht nicht, Szene und Musik klaffen auseinander. Und so landet der Abend, nach gestelztem Beginn, bald bei der Fernsehvorabendserie und schließlich beim Klamauk mit den wundersam sich vermehrenden Sesseln und Stehlampen.
Was der Aufführung fehlt, ist jene Mischung aus Mythos und Realität, aus Geheimnis und Banalität, mit der Andrea Breth die Geschichte von Carmen und José bei der letztjährigen Grazer Styriarte erzählt hat (siehe OW 8/2005). Neue Einsichten in Bizets Meisterwerk lassen sich Nüblings ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2006
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Luigi Nono in Venedig

Das Faszinierende an Venedigs Musikgeschichte ist ihre Jahrhunderte überspannende Vielfalt. Es beginnt mit Vokalpolyphonie der Renaissance und reicht, mit nur wenigen Unterbrechungen, bis ins Heute. Nach dem Zwei­ten Weltkrieg erlebte das Teatro La Fenice ein Jahrzehnt wichtiger Uraufführungen: Strawinskys «The Rake’s Progress» (1951), Brittens «The Turn of the...

Idylle und Gewalt

Der Opernkomponist Nikolai Rimsky-Korsakow muss zumindest hierzulande immer noch abbüßen, dass er den Werken seines genialeren Jugendfreundes Mus­sorg­sky mit geschönter Instrumentation meinte aufhelfen zu müssen. Dabei hat Rimsky durchaus Eigenes zu bieten, so die in jüngster Zeit mehrfach gespielte anti­zaristische Märchensatire «Der goldene Hahn» oder die jetzt...

Herzenssache

Frau Heidenreich, Sie sind nicht nur eine leidenschaftliche Leserin belletristischer Literatur, Sie lieben auch die klassische Musik, zumal die Oper. Woher rührt diese Zuneigung?
Das kommt von meiner Mutter. Sie war sehr musikalisch und konnte jede Melodie nachsingen, die sie irgendwo gehört hatte. Und zwar, ohne je die Stimme geschult oder ein Instrument gelernt zu...