Die Geburt des Dramas aus dem Geist des Wortes
Das Jahr 1875 war ein bedeutendes in der Geschichte der französischen Oper. Am 5. Januar wurde das Palais Garnier eingeweiht, bis 1989 der größte Theaterbau der Welt; knapp zwei Monate später fand die Uraufführung von Bizets «Carmen» statt. Paris erhielt einerseits eine Stätte, an der sich eine spezifisch nationale Gesangkultur tradieren ließ, andererseits belebte dieses Werk das internationale Repertoire und wurde alsbald zum Antidot des Wagnerismus.
Der Niedergang des französischen Gesangs spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg korrespondierte mit dem sich verfestigenden Missverständnis von Bizets Opéra comique, die fortan aufgeführt wurde, als sei sie von Puccini: mit erheblichem Hang zur Verfettung. Man höre nur Karajans orchestral aufgepumpte Wiener Aufnahme von 1963, deren Solisten einem pauschalen Espressivo erliegen. So, wie man nicht mehr die Geburt des «Carmen»-Dramas aus dem Geiste des in Melos überführten Wortes erkannte, verlor sich eben die Tradition eines eloquenten, artikulierten Singens, das in der Deklamation gründete. Die einstige intellektuell gespeiste Sublimität wich einem äußerlichen Stil. Reynaldo Hahn (der in Caracas geborene Sohn eines nach Venezuela ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Götz Thieme
Die Güte Gottes? Scheint unermesslich. Zumindest in dieser Geschichte aus dem ersten Buch Mose, die mit größtmöglicher Empathie das Schicksal einer jüdischen Familie schildert. Deren Oberhaupt, der greise Tobit, gerät, weil er tote Israeliten bestattet, mit den herrschenden Assyrern in Ninive aneinander und erblindet. Auch Sara, die Tochter eines Verwandten,...
Im Anfang ist nicht das Wort. Sondern festliche Musik, wiewohl ironisch verfremdet. Das Orchester spielt die Introduktion zum dritten Akt von Händels «Salomo», aus der Tiefe des Raums kommt Valery Tscheplanova, auf High Heels, im hautengem Kostüm, in Händen die sternenbekränzte USA-Flagge. Einzug der Königin von Saba? Ja und Nein. Ja, weil erotische Energien...
Mit vier Solisten und zehn Instrumentalisten, aber ohne Chor ist Hans Thomallas in Mannheim uraufgeführte englischsprachige Oper «Dark Spring» die Corona-Oper der Stunde. Doch nicht nur ihr geringer Aufwand, auch ihr Sujet spiegelt die Bedrückung wider, die die Welt in Atem hält – den Abstand von anderen Menschen. Allerdings geht es weniger um die erzwungene äußere...
