Brennend gegenwärtig
Das Damoklesschwert der Corona-Quarantäne schwebt über uns allen. Kein Wunder, dass Träume zu Alpträumen mutieren und Bilder der Zwangsisolation, die uns noch lange begleiten werden, die Theaterszene beherrschen. Ein Stück wie Henry Purcells in den 1680er-Jahren entstandene Kurz-Oper «Dido and Aeneas», die als klassisches Modell des männlichen Liebesverrats gilt, lässt dann noch eine andere Perspektive zu. Dirk Schmeding hat sie in seiner jetzt für Osnabrück entstandenen, jenseits von Aktualisierung oder Historisierung brennend gegenwärtigen Inszenierung freigelegt.
Er erzählt die Geschichte Didos, einer Frau mit traumatischen Erfahrungen, die ihren Mann durch Mord, ihre phönizische Heimat durch Vertreibung verloren und in Karthago ein neues Reich begründet hat, ganz aus deren eigener Perspektive. Alle Figuren, mit Ausnahme von Aeneas, sind Abspaltungen oder Projektionen Didos. Und alle sind sie gleich, in weiße Rockmäntel gekleidet – schwarz dagegen die Hexen, in Schmedings Psychogramm der selbstzerstörerische Anteil ihres Ichs. Wie der aus Troja geflüchtete, in Purcells Version der antiken Sage episodenhaft an den Rand gedrängte Aeneas, besitzt auch Dido eine große Sehnsucht. ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Uwe Schweikert
Die Bühne für «Das große Welttheater», ein musikalisches Schauspiel für Sänger, Schauspieler und Musiker nach Pedro Calderón de la Barca, in der Regie von Calixto Bieito, mit dem ich seit 2006 zusammenarbeite, zeigt, was mir viel bedeutet: die Verbindung von Raum, Bewegung und Musik. Und wie kraftvoll diese Synergie wirken kann. Der Raum nicht als statischer Ort,...
Als Intendant hat Ansgar Haag grundsätzlich ein Gespür für die Programm-Melange, die beim heimischen Publikum ankommt und überregionales Interesse weckt. Für die Eröffnung seiner letzten Spielzeit am Staatstheater Meiningen inszenierte er nun selbst ein Stück, das sich ohne Corona-bedingte Einbußen auf die Bühne bringen lässt. Anders als der etwas sperrige Titel...
Das Jahr 1875 war ein bedeutendes in der Geschichte der französischen Oper. Am 5. Januar wurde das Palais Garnier eingeweiht, bis 1989 der größte Theaterbau der Welt; knapp zwei Monate später fand die Uraufführung von Bizets «Carmen» statt. Paris erhielt einerseits eine Stätte, an der sich eine spezifisch nationale Gesangkultur tradieren ließ, andererseits belebte...
