Brennend gegenwärtig

Purcell: Dido and Aeneas
OSNABRÜCK| THEATER AM DOMHOF

Opernwelt - Logo

Das Damoklesschwert der Corona-Quarantäne schwebt über uns allen. Kein Wunder, dass Träume zu Alpträumen mutieren und Bilder der Zwangsisolation, die uns noch lange begleiten werden, die Theaterszene beherrschen. Ein Stück wie Henry Purcells in den 1680er-Jahren entstandene Kurz-Oper «Dido and  Aeneas», die als klassisches Modell des männlichen Liebesverrats gilt, lässt dann noch eine andere Perspektive zu. Dirk Schmeding hat sie in seiner jetzt für Osnabrück entstandenen, jenseits von Aktualisierung oder Historisierung brennend gegenwärtigen Inszenierung freigelegt.

Er erzählt die Geschichte Didos, einer Frau mit traumatischen Erfahrungen, die ihren Mann durch Mord, ihre phönizische Heimat durch Vertreibung verloren und in Karthago ein neues Reich begründet hat, ganz aus deren eigener Perspektive. Alle Figuren, mit Ausnahme von Aeneas, sind Abspaltungen oder Projektionen Didos. Und alle sind sie gleich, in weiße Rockmäntel gekleidet – schwarz dagegen die Hexen, in Schmedings Psychogramm der selbstzerstörerische Anteil ihres Ichs. Wie der aus Troja geflüchtete, in Purcells Version der antiken Sage episodenhaft an den Rand gedrängte Aeneas, besitzt auch Dido eine große Sehnsucht. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Die Geburt des Dramas aus dem Geist des Wortes

Das Jahr 1875 war ein bedeutendes in der Geschichte der französischen Oper. Am 5. Januar wurde das Palais Garnier eingeweiht, bis 1989 der größte Theaterbau der Welt; knapp zwei Monate später fand die Uraufführung von Bizets «Carmen» statt. Paris erhielt einerseits eine Stätte, an der sich eine spezifisch nationale Gesangkultur tradieren ließ, andererseits belebte...

Was kommt... November 2020

Krisenmanagement
Wie so viele einst ruhmreiche Musentempel durchlebt auch das Mariinsky Theater gerade eine schwierige Phase. Die Gründe dafür sind vielschichtig und schwer zu durchschauen. Ein Briefreport aus Sankt Petersburg

Verführertalent
Eigentlich war das Violoncello sein Instrument. Doch als es ernst wurde, entschied sich Andrè Schuen für ein Gesangsstudium...

Verrätselt

Wie oft müsste man leben, um aus dem Tod klug zu werden?» Der Schriftsteller und Philosoph Elias Canetti formulierte diese Frage in seinen zahlreichen Schriften über den Tod, mit dem er haderte, den er am liebsten abgeschafft hätte – «wenn es ginge». Allein, es geht nicht. Bislang.  Man weiß nicht, ob Andriy Zholdak ähnlich wie Canetti dem Tod den Krieg erklärt...