Die andere Moderne
Adolf Sliwinski, Leiter des Verlags Felix Bloch Erben, konnte dem Komponisten Franz Lehár im Mai 1909 imposante Zahlen für seine «Lustige Witwe» melden: 18 000 Aufführungen in 422 deutschen, 135 englischen und 154 amerikanischen Städten.
Drei Jahre nach der Uraufführung hatte die Operette einen Hype ausgelöst, der sich im Verkauf von Souvenirartikeln ebenso niederschlug wie in einer Renaissance des Paartanzes oder der Stilisierung der Hauptfiguren Hanna und Danilo «zum mythischen Paar ihrer Epoche», schreibt Stefan Frey in seinem Buch «Franz Lehár – Der letzte Operettenkönig». Anlässlich des 150. Geburtstags Lehárs hat der Theaterwissenschaftler eine eigene ältere Biografie neu konzipiert und umfassend erweitert. Überzeugend arbeitet er die sozialgeschichtlichen Grundlagen heraus, die diesen Erfolg möglich machten. Für Frey fällt er nicht zufällig mit der Glanzzeit der neuen Kaufhäuser zusammen, in der Waren ebenso wie kulturelle Erlebnisse zu «Symbolen der gesellschaftlichen Zugehörigkeit» werden.
Lehár traf mit der «Lustigen Witwe» gleich in mehrfacher Weise den Nerv einer neuen, globalen Mittelschicht. Die Integration unterschiedlichster Musikstile erfüllt, so Frey, die ...
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Opernwelt Juni 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 37
von Michael Stallknecht
Von «Berufsverboten» für Künstler spricht Monika Grütters am 29. April im Rundfunk Berlin-Brandenburg. Es ist ein Wort, das noch vor sehr kurzer Zeit mitten in Westeuropa nach Literatur oder entfernteren Geschichtsepochen geklungen hätte, ein Wort wie «Notstand» oder «Ausgangssperre». Jetzt nimmt es ein Mitglied des Bundeskabinetts in den Mund, und es fühlt sich...
Jubilare
John Treleaven absolvierte sein Gesangsstudium in London und Neapel. Anschließend trat der aus Cornwall stammende Tenor überwiegend in seiner britischen Heimat auf, etwa am Royal Opera House Covent Garden, wo er 1979 debütierte, an der Welsh National Opera, der Scottish National Opera und der English National Opera. Beim Edinburgh Festival war er als...
Nadia (1887–1979) und Lili Boulanger (1893–1918) wuchsen in einem musikalischen Elternhaus auf – der Vater war Komponist und Gesangslehrer, die russische Mutter Sängerin. Beide Schwestern waren hochbegabt und komponierten von Jugend an. Lili erhielt 1913 als erste Frau den begehrten Rom-Preis des Pariser Conservatoire. Nadia, die nach Lilis Tod das Komponieren...
