Die alten, bösen und zarten Lieder
Der Dichter singt, singt in höchsten und in tiefsten Tönen, wort- wie bildmächtig, am Rande des Erlaubten und in einem Rhythmus, der per se alle Bedenken, sollten sie überhaupt bestehen, vom Tische fegt.
«O seiden Härelein! O Rosen Wängelein! Corallen Lippelein! O Perlen Zänelein! O Honig Züngelein! O Perlemutter Oehrelein! O helffenbeinen Hälßelein! O Pomerantzen Brüstelein!» So steht es geschrieben in dem Liebesgedicht «O Sternen Äugelein» des Komponisten und Liedtexters Johann Hermann Schein, doch die Klänge, die wir dazu hören, haben mit dem Zeitalter, in dem diese blümeranten Verse geschmiedet wurden, wenig gemeinsam. Rabiat sind sie, rustikal, rau und rasant.
Bereits 2022 feierte Gordon Kampes Songzyklus «O Seufzen, Heulen, Herzensknall» für zwei Stimmen und Ensemble in Hamburg seine Uraufführung. Beim Ultraschall Festival Berlin, dessen selbsternannter Auftrag es stets war, Wiederaufführungen zeitgenössischer Werke zu ermöglichen, erklang nun im Radialsystem die revidierte und erweiterte Version, mit einem anderen Anfang und mit einem anderen (unversöhnlichen) Ende, in einer fulminant-furiosen Darbietung durch das von Lutz Rademacher geleitete RADAR Ensemble. Und diese ...
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Opernwelt März 2024
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Jürgen Otten
Selbst gewiefte Kenner der «Winterreise» dürften Schuberts Liedzyklus wohl noch nie so abgrundtief pessimistisch erlebt haben wie in der Neuaufnahme des französischen Tenors Cyrille Dubois. Am Ende seiner Tour d’horizon durch das eigene Ich erwartet den Protagonisten dieser «schauerlichen» Lieder, wie Schubert sie selbst bezeichnet haben soll, bei Dubois das blanke...
Eine Collage war George Bizets «Carmen» im Grunde von Anbeginn an. Ob Konstruktionsprinzip oder Konstruktionsfehler, darüber lässt sich bis in die Gegenwart trefflich streiten. Wobei deren Ästhetik Ersterem ja durchaus zugetan ist. Die durcherzählte, stilistisch homogene Geschichte hat in der Spätmoderne kaum noch Konjunktur, und das abgesehen davon, dass es im...
Ein Lied ist ein Lied ist ein Lied? Nicht immer. Und nicht stets in der gleichen Weise. Während Komponisten wie Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms und Hugo Wolf (auf deutschsprachiger Seite) sowie Gabriel Fauré, Henri Duparc, Claude Debussy und Reynaldo Hahn (unter französischen Titeln wie «Mé-lodie», «Poème» oder «Ariette») ihre Beiträge zu diesem...
