Der zärtliche Blick aufs Furchtbare
Sitz!», herrscht uns die junge Frau an, und: «Platz!». Beinahe geben wir Pfötchen. Der Imperativ freilich ist lautlos, ein aufgedruckter Slogan auf ihrem T-Shirt als Platzanweiserin bei den diesjährigen Wiener Festwochen. Ein witziger Einfall, scheint’s, wie der auf Plakaten erscheinende Cartoon mit dem scheckigen Hund, dem ein junger Mann mit gelber Krawatte sanft den Kopf tätschelt. Doch plötzlich, auf dem letzten Bild, hat der Hund die abgebissene Hand des Tätschlers im Maul.
Tuet Böses denen, die euch lieben? Nicht ganz.
«Sitz!» sowie das herablassende Tätscheln stehen vielmehr für eine Haltung, wie Menschen sie wohl nicht nur bei Hunden, sondern häufig auch gegenüber anderen Menschen einnehmen, Reiche gegenüber Armen, Westler gegenüber Ostlern, Erstweltler gegenüber Drittweltlern. «Grenzen und Ausgrenzung» heißt denn auch das Motto der Wiener Festwochen in diesem Jahr.
Claus Guth greift es in seiner Inszenierung von «Lucio Silla», der aufbruchsbereiten Opera seria des knapp siebzehnjährigen Mozart, auf seine Weise auf: Die Geschichte von der erfolglosen Liebeswerbung des römischen Diktators Silla um die Gunst von Giunia, der Braut seines Erzfeindes Cecilio, spielt hier in ...
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Die Wiedergeburt von Cherubinis «Medea» (in der französischen Urfassung mit Dialogen «Médée») auf dem Musiktheater wird gemeinhin dem stimmlichen und darstellerischen Parforceritt der Maria Callas zugeschrieben. Sie hat die Partie in den fünfziger Jahren nach Mailand an verschiedenen italienischen und internationalen Bühnen gesungen. Seither erscheint das 1797 in...
Harry Kupfers langjähriger Ausstatter Hans Schavernoch liefert mit einem schrottreifen Helikopter den flexiblen Einheitsort für den Aufstieg und den Fall der Stadt Mahagonny – eine Kulisse, die dem Bordell ebenso Platz bietet wie dem elektrischen Stuhl. Diese Großraumskulptur im ansonsten sterilen, schwarzen Bühnenraum liefert freilich auch einen unfreiwilligen...
Wenn zwei Königskinder sich trauen und der König dazu eine Oper bestellt, dann darf das Ganze, dem Anlass gemäß, nicht wild oder gar anstößig geraten. Für Georg Friedrich Händel half da 1736 in London ein Stoff, der uns heute beachtlich albern erscheint. Zwei Paare, die sich ihrer Zuneigung gewiss sind, stellen in zweieinhalb Stunden alles Mögliche an, um genau...
