Der Tod ist ihr Begleiter

Gibt es eine spezifisch weibliche Sicht auf Verdis «La traviata»? Ellen Lamm in Stockholm und Nicola Raab an der Komischen Oper Berlin suchen nach plausiblen poetischen Bildern, Domingo Hindoyan und Ainārs Rubiķis durchleuchten die Partitur mit Röntgenblick

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Die Frage mag verwegen sein, vielleicht sogar ein bisschen unverfroren. Aber die Zeit ist danach, sie einmal ganz ohne Zungenschlag zu stellen: Gibt es eine weibliche Sicht auf Verdis Musikdrama «La traviata»? Und ist diese Sicht, so sie existiert, womöglich imstande, eine veränderte Rezeptionshaltung zu implantieren? Die Deutungen von Ellen Lamm in Stockholm und Nicola Raab in Berlin lassen zumindest den Schluss zu, dass an der These etwas dran sein könnte. Denn beide Arbeiten verraten einen wohltuend sensiblen Umgang mit den Leiden der Titelfigur und ihrer Psychologie.

Schon in Lamms Arbeit an der Kungliga Operan Stockholm wird evident, dass ihre Violetta absolut nicht dem Bild der «idealtypischen» Kurtisane entspricht. Ja, sie trägt ein eng anliegendes, silbern glitzerndes Kleid, wenn sie auf der Bildfläche erscheint. Aber sie ist dabei so distanziert, dass sich keiner der Herren an sie herantraut. Noch während der zart musizierten Ouvertüre sehen wir die Unnahbare als von einem Laken bedeckten Leichnam auf einem Tisch liegen, um sich herum die aufsteigenden Reihen eines Hörsaals (Bühne und Kostüme, beides stilvoll, raffiniert: Magdalena Åberg). Auch späterhin wirkt die Violetta ...

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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Jürgen Otten

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