Der Tod ist ihr Begleiter
Die Frage mag verwegen sein, vielleicht sogar ein bisschen unverfroren. Aber die Zeit ist danach, sie einmal ganz ohne Zungenschlag zu stellen: Gibt es eine weibliche Sicht auf Verdis Musikdrama «La traviata»? Und ist diese Sicht, so sie existiert, womöglich imstande, eine veränderte Rezeptionshaltung zu implantieren? Die Deutungen von Ellen Lamm in Stockholm und Nicola Raab in Berlin lassen zumindest den Schluss zu, dass an der These etwas dran sein könnte. Denn beide Arbeiten verraten einen wohltuend sensiblen Umgang mit den Leiden der Titelfigur und ihrer Psychologie.
Schon in Lamms Arbeit an der Kungliga Operan Stockholm wird evident, dass ihre Violetta absolut nicht dem Bild der «idealtypischen» Kurtisane entspricht. Ja, sie trägt ein eng anliegendes, silbern glitzerndes Kleid, wenn sie auf der Bildfläche erscheint. Aber sie ist dabei so distanziert, dass sich keiner der Herren an sie herantraut. Noch während der zart musizierten Ouvertüre sehen wir die Unnahbare als von einem Laken bedeckten Leichnam auf einem Tisch liegen, um sich herum die aufsteigenden Reihen eines Hörsaals (Bühne und Kostüme, beides stilvoll, raffiniert: Magdalena Åberg). Auch späterhin wirkt die Violetta ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Jürgen Otten
Der Racheengel trägt Rot: giftig glühendes Scharlachrot. Auf den Lippen, über den Knien, um Schultern und Hüften. Kühl-mondän, einen Hauch verwegen präsentiert sich die Pariser Kinobesitzerin Emmanuelle Mimieux in ihrem delikat dekolletierten Kleid an diesem Abend, der für sie die einmalige Chance bereithält, ihre von den Nazis hingeschlachtete Familie zu rächen....
Und ewig rumort die Antike. Mögen die erhabenen Mythen um Götter und Menschen an Signifikanz verloren haben, so treiben doch die uralten Stoffe weiter, zumal in Literatur, Theater, Oper und Film. Ob überhaupt, wann, wo und wie der Trojanische Krieg stattgefunden hat, ist strittig, nicht aber die Relevanz der Sujets: Die Atriden-Schrecknisse, das «Ilias»-Gemetzel,...
Herr Reinvere, wie sind Sie eigentlich auf das Thema «Beethovens Tochter» gestoßen?
Auslöser meines Interesses war sein berühmter Brief an die «Unsterbliche Geliebte» aus dem Jahr 1812. Wenn man sich fragt, welche Frau die Adressatin dieses Briefes gewesen sein könnte, begegnet man sehr schnell Josephine Brunsvik, jener aus einem ungarischen Adelsgeschlecht...
