Der Tod ist ihr Begleiter
Die Frage mag verwegen sein, vielleicht sogar ein bisschen unverfroren. Aber die Zeit ist danach, sie einmal ganz ohne Zungenschlag zu stellen: Gibt es eine weibliche Sicht auf Verdis Musikdrama «La traviata»? Und ist diese Sicht, so sie existiert, womöglich imstande, eine veränderte Rezeptionshaltung zu implantieren? Die Deutungen von Ellen Lamm in Stockholm und Nicola Raab in Berlin lassen zumindest den Schluss zu, dass an der These etwas dran sein könnte. Denn beide Arbeiten verraten einen wohltuend sensiblen Umgang mit den Leiden der Titelfigur und ihrer Psychologie.
Schon in Lamms Arbeit an der Kungliga Operan Stockholm wird evident, dass ihre Violetta absolut nicht dem Bild der «idealtypischen» Kurtisane entspricht. Ja, sie trägt ein eng anliegendes, silbern glitzerndes Kleid, wenn sie auf der Bildfläche erscheint. Aber sie ist dabei so distanziert, dass sich keiner der Herren an sie herantraut. Noch während der zart musizierten Ouvertüre sehen wir die Unnahbare als von einem Laken bedeckten Leichnam auf einem Tisch liegen, um sich herum die aufsteigenden Reihen eines Hörsaals (Bühne und Kostüme, beides stilvoll, raffiniert: Magdalena Åberg). Auch späterhin wirkt die Violetta ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Jürgen Otten
Dass in dem Wort Qualle die Qual enthalten ist, wäre eine kalauernde Erklärung, warum während des Finales im dritten «Figaro-Akt eine gewaltige Medusa mit Tentakeln sich wie ein fahler Mond am Horizont erhebt. Klar, eine Metapher, trotzdem unschön anzusehen, wie die seelische Qual, die sich hier das Hauptpersonal gegenseitig bereitet. Für Programmheftleser...
Dass der Wagner-Novize Valentin Schwarz 2020 in Bayreuth den «Ring des Nibelungen» inszenieren soll, war ebenso eine Überraschung wie die Nominierung des musikalischen Leiters Pietari Inkinen. Der Finne, geboren 1980, hat den «Ring» immerhin schon dirigiert, 2013 im australischen Melbourne. Eine Vorstellung von Künftigem bietet nun eine CD mit dem gekürzten...
Seit seiner Uraufführung am Petersburger Mariinski-Theater 1890 bildet «Fürst Igor» ein von Bewunderern innig geliebtes Problemkind des Opernrepertoires. Problematisch ist zum einen das Libretto: eine Folge von grob gezeichneten Abziehbildern aus dem mittelalterlichen Russland ohne dramatischen Spannungsbogen oder sprachliche Prägnanz. «Oper» im abgegriffensten...
