Der Rest ist Denken
Gäbe es nicht die Kategorie der Ironie, man müsste an Werk und Person von Helmut Lachenmann verzweifeln. Allein, der Komponist, der seit Jahrzehnten unweit von Stuttgart, wo er am 27. November 1935 geboren wurde, in Leonberg daheim ist, kommentiert furchtlos die Gegenwart – und hat spontan einen frechen Spruch parat, einen seiner berühmten Schüttelreime.
Dann und wann blitzt darin Selbstbeschau, der ewige Zweifel des Kreativen: «Ach Komponieren, blasses Los! / Wenn’s dir zu schwerfällt, lass es bloß! / Denn sonst, wie öfters schon beteuert, / klingt nachher jeder Ton bescheuert!» Doch überwiegt im Leben dieses bärtigen Renaissance-Hünen die gut gelaunte Abenteuerlust, sonst hätte er viele Kämpfe und Anwürfe nicht unbeschadet überstanden. Mit dem Publikum nahm er es leichter, das Buhen und Zischen war ja zumindest Ausdruck des Lebendigen; schlimmer erging es ihm in den 1970er-, 1980er-Jahren mit einigen Musikern in den Orchestern; für diese großen Formationen schrieb er am liebsten. Der philharmonische (Un-)Geist jener Jahre, sich ungern – oder überhaupt nicht – auf Lachenmanns Expeditionen einzulassen, hätte den stärksten Krieger aus der Bahn geworfen. Auch dazu hat der Betroffene ...
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Opernwelt November 2025
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Götz Thieme
Fürst Leopold II. von Lippe war ein Theaterenthusiast. Noch zierte kein würdevoller Säulenportikus die Hauptansicht seines neuen Hoftheaters, auch die Außenwände standen unverputzt. Doch hob sich auf Befehl des Landesherrn am 8. November 1825 der Vorhang zur Einweihung des Hauses mit Mozarts «La clemenza di Tito». Das Auditorium im hochklassizistischen Musentempel...
Falstaffs Bauch wird nicht bloß behauptet. In aller Immensität quillt er Simon Keenlyside über den Gürtel. Der hockt in einer gemütlich heruntergekommenen Bar, ungefähr in den 1960er-Jahren, und schmiedet Pläne, wie er sein Shilling- und Fraueneroberungskonto aufbessern könnte. Und wenn ihm dabei einmal mehr aufgeht, was für ein grandioser Kerl er doch ist, dann...
Der Satz hat Format und einige dialektische Würze. «The past is never dead. It’s not even past». So steht es in William Faulkners 1951 erschienenem Roman «Requiem for a Nun». Auch Detlev Glanert und der Librettist Reinhard Palm stellen diese philosophisch klugen Worte in deutscher Übersetzung («das Vergangene ist niemals tot, es ist nicht einmal vergangen») dem...
