Der Mythos lebt
Das Jahr der Kollektive nimmt Fahrt auf. Die documenta 15 wirft mit ihrem indonesischen ruangrupa--Kuratorium lange Schatten voraus. Aber je näher das Top-Ereignis der Kunstwelt rückt, desto nebulöser wird, was in Kassel außer Diskursen im internationalen NGO-Jargon eigentlich stattfinden soll. Längst hat sich das, was man früher «Bildende Kunst» nannte, geweitet – hin zu Musik, Performance, weiteren angrenzenden Genres und Debatten jenseits rein ästhetischer Fragestellungen.
Im Gegenzug öffnen sich auch Musik- und Musiktheaterereignisse immer stärker der Kunst, der Performance, den Diskursen. Bis am Ende womöglich alles zusammenfließt auf kleinste gemeinsame Nenner? Bei der Berliner Maerz-Musik etwa entsteht beim Durchklicken der dysfunktionalen Webseite – ein gedrucktes Programmbuch gibt es nicht mehr – der Eindruck, dass Musik nur noch am Rande vorkommt und stattdessen Lectures, Workshops und Installationen die im Übrigen ziemlich verkopfte Dramaturgie des Festivals dominieren.
Auch das Amsterdamer Opera Forward Festival nimmt in der diesjährigen Ausgabe, endlich wieder live, unter dem Motto «New Beginnings» die genannten Trends mit einem breiten Angebot auf. Es leistet sich ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Magazin, Seite 82
von Regine Müller
Bachs »Matthäus-Passion« als Oper? So fern liegt das nicht, wenn man an die latente Dramatik des Stücks denkt. Und Versuche in diese Richtung der Interpretation gab es immer wieder, bis hin zur Aneignung durch den Choreographen John Neumeier. Aber eine Aufführung als Fest der «Community» unter Beteiligung von Kindern sowie Bürger- und Jugendchören aus Stadt und...
Noch schwerer als den Auftrag für eine Uraufführung zu bekommen, ist es für einen Opernkomponisten heute, ein Theater zu finden, das eine auch medial meist wesentlich weniger beachtete Nachaufführung wagt. Selbst renommierte Tonsetzer wie Aribert Reimann, Wolfgang Rihm oder Manfred Trojahn tun sich damit schwer. Umso erfreulicher, dass Mannheim jetzt eine Oper...
Erst das Satyrspiel, dann die Tragödie: Zehn Monate vor Massenets «Thaïs», im Mai 1893, brachte Camille Saint-Saëns seine in Windeseile komponierte Opéra comique «Phryné» auf ein Libretto von Lucien Augé de Lassus heraus. Dem tragischen Paar, einem erotisch verquälten Mönch aus der thebaischen Wüste und einer frömmelnden alexandrinischen Kurtisane, die ekstatisch...
