Der letzte Schmerz
Technologien, Algorithmen, virtuelle Realitäten und digitale Ablenkungen beherrschen jetzt schon unser Leben. Als Menschen kommen wir der Zukunft kaum noch hinterher. Die Uraufführung «Passion of the Common Man» geht noch einen Schritt weiter – in eine Welt, die technologisch so weit fortgeschritten ist, dass alles Natürliche verblasst. Zuneigung kann simuliert werden, Leid und Schmerz sind gelöscht.
Doch was bleibt, wenn das unmittelbare Empfinden verschwindet? «Passion of the Common Man» ist Oper und säkulares Oratorium zugleich, das die Form der Passion in unsere Gegenwart – oder vielmehr in eine beunruhigend nahe Zukunft – überführt. Inspiriert von den Passionen Johann Sebastian Bachs und zugleich radikal eigenständig, schaffen der isländische Komponist Daníel Bjarnason und der Librettist Royce Vavrek ein Werk, das religiöse Strukturen öffnet und existenzielle Fragen neu stellt: Was bedeutet menschliches Leiden heute und zukünftig? Im Zentrum des Stücks steht das archetypische Motiv jeder Passion: Ein Einzelner leidet stellvertretend für die Gemeinschaft. Doch diese Gemeinschaft lebt in einer dystopischen Welt, in der Schmerz kontrolliert, Krankheit überwunden und Natur ...
Das «unmögliche Kunstwerk» Oper lebt, allen Unkenrufen zum Trotz. Als Beleg mögen abseits der Pflege des kanonischen Repertoires auch und vor allem jene Stücke dienen, die sich mit der Tradition der Gattung auseinandersetzen, dabei aber neue Wege beschreiten. Um solche Werke des Musiktheaters soll es in dieser Rubrik gehen: um Uraufführungen, in denen neue Narrative kreiert werden und die Form selbst auf dem Prüfstand steht, zugleich aber auch jene Rezeption befragt wird, die sich mit der Wiederholung überlieferter Deutungsmuster begnügt. Zu Wort kommen Komponistinnen und Komponisten, Dramaturginnen und Dramaturgen sowie Dirigentinnen und Dirigenten.
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Opernwelt August 2026
Rubrik: Magazin, Seite 95
von Anke Rauthmann
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Es ist Juni in Wien, und der Himmel über Kakaniens Kapitale straft die Wirklichkeit Lügen. Kornblumenblau ist er, dabei müssten doch die Götter im Olymp weinen. Die Premiere mit den Einaktern «Lady Magnesia» von Mieczysław Weinberg und «Zweimal Alexander» von Bohuslav Martinů ist die vorerst letzte Produktion der Kammeroper Wien. So haben es die politisch...
Entrückte Seelen? Gibt es, zumindest im Kontext eines unerschütterlichen Glaubens. Didymus, jener römische Offizier, den die Liebe zur tugendhaften Theodora schier überwältigt hat, obwohl die weltentsagende Christin nach herrschender Doktrin auf der «falschen» Seite steht, schwört auf die Kraft einer spirituellen Macht, die selbst reale physische Gewalt zu...
